Eurosport - Fr 09.Nov. 20:03:00 2007
Neuzugang Christian Schulz erweist sich für Hannover 96 immer mehr als absoluter Volltreffer. Für den Aufschwung in Niedersachsen ist der frühere Bremer einer der zentralen Faktoren. Und: 2008 kann ein Auftritt auf europäischer Bühne Realität werden.
Inklusive Nachspielzeit sind noch etwa 20 Minuten zu spielen am zwölften Spieltag der laufenden Bundesligasaison. Christian Schulz trifft per Kopf für Hannover 96 zum 2:0 gegen Borussia Dortmund. Resultat plus Torschütze werden auf den Videowänden eingeblendet. "Schuuulz", ziehen die Fans den Namen ihres Lieblings lang und spenden lauten Beifall. Nichts Ungewöhnliches, würde es sich nur um die Anzeigetafel in Hannover handeln. Geklatscht wurde indes auch im Weserstadion. Aller Nordrivalität zum Trotz schätzen die Bremer Fans den 24-Jährigen immer noch, respektieren ihn auch nach dem Trikottausch für seine Hingabe in der Vergangenheit. Auf der anderen Seite adaptierten die 96-Fans bereits bei seinem ersten Auftritt in schwarzer Hose und rotem Hemd die typischen Rufe mit dem mehrfachen "u".
In acht Spielen fast so viele Tore wie in 103
Zwölf Jahre währte das Beschäftigungsverhältnis zwischen Christian Schulz und Werder Bremen. 103-mal trat der gebürtige Bassumer für Grün-Weiß in der Bundesliga gegen den Ball, traf dabei viermal ins Netz und gewann 2003/04 das Double. Freilich wirkte er in jener Spielzeit nur in der Hälfte der Partien mit, wurde auch in der zweiten Mannschaft eingesetzt, die drittklassig agiert. Zu einer unumstrittenen Stammkraft stieg Schulz bei "seinem" SV Werder nie auf. "Ich spielte trotzdem über 100 Mal Bundesliga dort, wurde Nationalspieler", sagte er trotzig in einem kicker-Interview. "Ohne Zorn" sei er gewechselt, angetrieben von der "neuen Motivation", die in Niedersachsen wartete.
Seine Abschiedsvorstellung für Werder gab er in der Champions League gegen Dinamo Zagreb. Nicht wenige im hektischen wie begeisterungsfähigen Umfeld von Hannover 96 träumen schon von internationalen Auftritten im nächsten Jahr. Im Moment besetzen die "Roten" einen komfortablen Tabellenrang im oberen Drittel. "Wer nach dem zwölften Spieltag Fünfter ist, der steht da nicht zufällig", demonstriert Schulz das neue Selbstbewusstsein in der Landeshauptstadt. Gelungene Transfers und ein starfreier, verschworener Kader ohne auffällige Schwachpunkte machen Hannover etwas überraschend zum Jäger der Bayern-Jäger. Unter anderem von Werder Bremen.
Achtmal trug Schulz bisher das 96-Trikot und hat seine Torbilanz aus über hundert Partien für Werder schon fast egalisiert. Dem Treffer gegen Dortmund ging vier Spieltage zuvor ein Doppelpack mitsamt Traumtor gegen den MSV Duisburg voran. Beide Heimspiele gewann Hannover mit 2:1, der Neuzugang gehörte beide Male zu den Besten. Dabei begann sein Engagement beim zweifachen Deutschen Meister achterbahngleich. Beim Debüt gegen Bochum eingewechselt, leitete er das Siegtor durch Vahid Hashemian ein. Eine Woche später folgte eine Gelb-Rote Karte in Nürnberg. Kurios: Sowohl gegen den VfL als auch gegen den "Club" spielte Schulz in dieser Saison bereits zweimal - für Werder und für 96.
Luxusproblem für Hecking
In Hannover wird der agile, physisch starke 1,85-Meter-Mann zu Recht als eine der zentralen Figuren des Aufschwungs betrachtet. Zu keinem Zeitpunkt wirkte Schulz wie ein Neuling, geschweige denn wie ein Fremder. Trainer Dieter Hecking und der integrationsfreundliche Kader nahmen den Norddeutschen mit offenen Armen auf. Dem Übungsleiter beschert der Linksfuß erfreuliches Kopfzerbrechen. "Ein Luxusproblem" nennt Hecking die Qual der Wahl im defensiven Mittelfeld, wo neben dem Mann mit der Nummer 19 noch Altin Lala, Hanno Balitsch sowie Chavdar Yankov zur Verfügung stehen. In der Offensive ist Schulz zweifelsohne der Stärkste dieser Vier. Seine langen Schritte, mit denen er Gegenspieler scheinbar mühelos abschüttelt, seine Schuss- und Kopfballstärke machen "Schulle" zum unverzichtbaren Fixpunkt im Spiel des DFB-Pokalsiegers von 1992.
Parallelen in der persönlichen Historie verbinden Schulz mit den Kollegen Frank Fahrenhorst, Michael Tarnat, Thomas Brdaric, Mike Hanke, Benjamin Lauth und Balitsch, die in Hannover den vielköpfigen "Club der Ex-Nationalspieler" bilden. Sie alle wurden von diesem oder jenem Bundestrainer berufen, richtig etablieren vermochte sich im DFB-Team aber keiner. Dreimal trug Schulz den Adler auf der Brust, zuletzt am 9. Februar 2005 in Düsseldorf gegen Argentinien. Eine Rückkehr ins internationale Geschehen soll schon 2008 gelingen. Wohl nicht bei der EM, dafür aber im UEFA-Cup.
Alexander Marner / Eurosport