Eurosport - Di 09.Sep. 10:49:00 2008
Der Deutsche Ruderverband (DRV) kommt nicht zur Ruhe. Nach der Schlappe von Peking - man holte kein einziges Mal Gold - regt sich heftige Kritik. Auch eine eiligst einberufene Krisensitzung nur eine Woche nach der Abreise aus China konnte den Betriebsfrieden nicht wieder herstellen.
Vielen Athleten und Funktionären gehen die dort gefassten Beschlüsse nicht weit genug. So stellte Klaus-Dieter Lembke aus Protest seine Ämter zur Verfügung. "Ohne personelle Konsequenzen wird das Ziel 2012 nicht erreicht werden können", klagte der ehemalige Vorsitzender des DRV- Länderrates und sächsischen Landesverbandes.
Im Zentrum der Kritik stehen Sportdirektor Michael Müller und der Sport-Vorsitzende Stefan Grünewald-Fischer. Beide werden für das schlechte Abschneiden von Peking mit nur einer Silber- und Bronzemedaille verantwortlich gemacht. Auch Verbandschef Siegfried Kaidel mochte die Olympia-Bilanz nicht schönreden: "Es ist niederschmetternd, was herausgekommen ist."
Machtwort des Vorsitzenden
Der Abwärtstrend der vergangenen Jahre veranlasste ihn zu einer Entmachtung von Grünewald-Fischer und Müller. Auf einer Vorstandssitzung am 25. August erklärte der DRV-Vorsitzende den Leistungssport zur Chefsache: "Ohne meine Zustimmung läuft nichts mehr." Überraschend kam die Degradierung der beiden Führungskräfte jedoch nicht. Bereits vor den Olympischen Spielen gab es Gedankenspiele, organisatorische und sportfachliche Aufgaben zu trennen. "Damit kann ich gut leben. Schließlich war es mein Wunsch, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren", kommentierte Müller.
Von einem Zerwürfnis in der DRV-Spitze kann deshalb keine Rede sein. Ungeachtet des heftigen Gegenwinds hält Kaidel an Müller fest. Das hat sowohl pragmatische als auch fachliche Gründe. Zum einen kann sich der finanziell klamme Verband eine Kündigung des seit 17 Jahren für den DRV tätigen Sportdirektors kaum leisten. Zum anderen schätzt der im März ins Amt gewählte Kaidel dessen organisatorische Fähigkeiten. "In diesem Bereich halte ich ihn für einen sehr guten Mitarbeiter."
Cheftrainer gesucht
Die Zeiten, in denen Müller und Grünewald-Fischer massiv Einfluss auf die Zusammenstellung des DRV-Kaders nehmen, sind allerdings vorbei. Darum soll sich in Zukunft ein Cheftrainer kümmern: Harald Jährling (früher SC Magdeburg), Hartmut Buschbacher (ehemaliger DDR- Trainer) und der Däne Morten Espersen gelten als erste Wahl. Nach kritischem Blick auf die Vita der Kandidaten will der Verbandschef noch im September eine Entscheidung treffen. Kaidels Anforderungsprofil lässt tief blicken: "Wir suchen einen Trainer, dessen Kreuz breit genug ist, um die nötigen Veränderungen durchzuziehen."
Viermal Gold in London
Den neuen Hoffnungsträger erwartet eine Herkulesaufgabe. Nicht nur der vielbeachtete Streit um die Neubesetzung des Deutschland-Achters offenbarte die problematischen Zustände im DRV. Zudem erschwert die hohe Erwartungshaltung die Arbeit. Trotz der bedenklichen Entwicklung in den vergangenen Jahren hofft Kaidel darauf, dass der DRV schon bald wieder als führende Ruder-Nation gilt: "Ich möchte 2012 in London viermal die deutsche Nationalhymne hören. Wenn es uns gelingt, unseren starken Nachwuchs schnell an die Spitze heranzuführen, können wir wieder an alte Erfolge anknüpfen."
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