Bundesliga - Ter Stegen: "Ich habe diese Vereinstreue!"

Di 08.Nov. 09:05:00 2011

Gladbachs 19-jähriges Torwart-Talent Marc-André ter Stegen spricht im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de unter anderem über den sportlichen Höhenflug der Borussia, über Shootingstar Marco Reus, die Drucksituation eines Torhüters sowie über Robert Enke und den besten Keeper der Welt.

FOOTBALL Ter Stegen Gladbach Exklusive 2011 - 0

Das Interview führte Michael Wollny

Marc-André ter Stegen, Glückwunsch zum Sieg gegen die Hertha. Im Olympiastadion das Spiel gedreht, punktgleich mit der zweitplatzierten Dortmunder Borussia. Gladbach mischt die Liga auf. Können wir uns in dieser Saison an diesen Zustand gewöhnen?

Marc-André ter Stegen: Natürlich freuen wir uns, dass es aktuell so gut läuft. Wir sind schon in der letzten Saison gut damit gefahren, von Spiel zu Spiel zu denken. Und so haben wir es bisher auch gemacht und werden es auch weiter so machen. Was am Ende dann rauskommt, wird man sehen.

Marco Reus war als zweifacher Torschütze ein Schlüssel zum Erfolg. Sie müssen im Training seine Offensivqualitäten als Keeper entschärfen. Was macht ihn so gefährlich?

Marc-André ter Stegen: Ich denke, wenn man an den Wochenenden hinschaut, sieht man, welche Qualitäten Marco hat. Dass er nun wieder zur Nationalmannschaft berufen worden ist, ist doch ein guter Beleg für seine konstant starken Leistungen. Aber wie sie richtig sagen, war er ein Schlüssel zum Erfolg. Derzeit schaffen wir es als Team, das sich jeder Spieler gut einbringen kann. Das gilt für Marco aber auch für die anderen Spieler auf dem Platz.

Am 8. August haben Sie auf Facebook geschrieben: "Mein erster Besuch in der zugegeben wirklich riesigen Allianz-Arena: Sieg! Atemberaubendes Spiel." Hand aufs Herz: Wie oft hat man später in der Mannschaft über dieses Spiel geredet, als einziges Team, das die Bayern schlagen konnte?

Ter Stegen: Eigentlich konnten und durften wir gar nicht so lange darüber nachdenken. Wir haben in der Folge einfach dort weitergemacht, wo wir gegen Bayern aufgehört haben. Wir hatten einen tollen Saisonstart gegen einen Gegner, der die Liga momentan einfach dominiert. Da konnten wir eine Menge Selbstvertrauen mitnehmen.

Der Aufschwung der Borussia ist eng mit Lucien Favre verbunden. Ihr persönlicher aber auch. Was macht Favre als Borussen-Coach so stark?

Ter Stegen: Er kam in einer Situation hier her, die für alle nicht ganz einfach war, als alle unter ziemlichem Druck standen. Er hat dann sehr akribisch mit uns gearbeitet. Und er hat dadurch natürlich einen großen Anteil daran, dass wir heute noch in der Bundesliga spielen.

Sie sind in Gladbach geboren, in der Borussia-Jugend aufgewachsen. Was für eine Bedeutung hat für ein 19-jähriges Top-Talent im modernen Fußball der Begriff "Vereinstreue"?

Ter Stegen: Ich habe diese Vereinstreue wirklich. Ich bin ja schon seit 1996 im Verein. Da verbindet man mit Borussia natürlich auch ein zweites Zuhause. Ich bin sehr glücklich hier. Und ich bin stolz darauf, in einem Verein Torwart zu sein, der seit Jahren erstklassig ist.

Gibt's neben der Borussia noch andere Vereine für die es sich zu Schwärmen lohnt?

Ter Stegen: Natürlich gibt es Vereine, in denen Weltklassefußball gespielt wird. Jeder, der Ahnung von Fußball hat, der weiß, dass der FC Barcelona, Real Madrid und einige englischen Klubs hervorragenden Fußball spielen. Da schaut man sich natürlich auch mal was ab.

Gab es in Ihrer Jugend Torhüter-Vorbilder, denen Sie etwas abschauen konnten?

Ter Stegen: Nein, eigentlich nicht. Jeder hat seinen eigenen Stil, jeder muss auf dem Platz seine Arbeit machen, da hilft einem keiner dabei. Ich versuche einfach Ich zu sein und das bin ich auch, wenn ich auf dem Platz stehe.

Aktuell hat sich auch in der Bundesliga eine heiße Debatte über Fan-Verhalten entzündet. Feldspieler können sich auf dem Platz recht frei bewegen. Torhüter nicht. Sie erleben hinter sich die Stimmung im Fanblock hautnah. War Ihnen im Derby gegen Köln oder Leverkusen schon mal mulmig?

Ter Stegen: Nein, ich muss sagen, dass ich mich bis jetzt immer sehr wohl gefühlt habe. Es macht ja auch ziemlich viel Spaß vor so einer Kurve zu stehen. Natürlich weiß man, dass ab und an auch mal was passiert. Aber ich konzentriere mich auf das Spiel, alles andere kann ich nicht beeinflussen.

Speziell beim Abstoß gibt es überall einen nicht gerade jugendfreien Schmäh-Ruf für Torhüter. Sowas lässt sich doch schwer überhören.

Ter Stegen: Man muss es aber überhören. Wenn ich mir alles zu Herzen nehmen würde, was irgendwo über mich gesagt wird, dann bräuchte ich am Wochenende nicht auf dem Platz zu stehen, weil ich kein Selbstvertrauen hätte. Gegnerische Fans versuchen natürlich auch alles, um ihren Klub zu unterstützen.

Auf Ihrer Position gilt das Motto: Es kann nur einen geben. Manuel Neuer ist in der Nationalmannschaft als Torhüter theoretisch erst mal über Jahre hinweg gesetzt. Wie sehr frustriert diese Tatsache mit Blick auf die eigene Perspektive im A-Team?

Ter Stegen: Ich konzentriere mich nur auf Borussia. Ich weiß, dass ich hier meine Leistung bringen kann, dass ich Woche für Woche auf hohem Niveau spielen muss. Alles andere kann ich nicht beeinflussen. Ich kann nur das beeinflussen, was am Wochenende passiert. Und das versuche ich.

In Deutschland gibt es momentan mit Ihnen, Oliver Baumann, Bernd Leno, Thomas Kraft, Ron-Robert Zieler, Kevin Trapp oder Sven Ulreich traditionell zahlreiche Top-Talente. Wie ist das Verhältnis untereinander? Verbissener Konkurrenzkampf wie zu Zeiten von Kahn, Lehmann, Wiese?

Ter Stegen: Man sollte nicht immer alles mit diesen Spielern vergleichen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, dementsprechend wird das auch gelebt und am Wochenende aufgetreten. Natürlich gibt es diesen Konkurrenzkampf in der ganzen Bundesliga und man weiß um die Stärke der Anderen. Aber man nimmt die Situation auch so an, wie sie ist.

Und wer ist der beste Torhüter der Welt?

Ter Stegen: Das ist schwer zu sagen. Es gibt viele Torhüter auf der Welt, die jede Woche eine hohe Qualität aufweisen. Da gehört ein Iker Casillas dazu oder ein Petr Cech. Da schaut man jedenfalls gerne hin, weil sie einen sehr guten Job machen.

Wie sehr nervt die Bezeichnung "Mini-Titan"?

Ter Stegen: Das ist mir eigentlich relativ egal. Man bekommt ja immer mal wieder Namen zugeschmissen. Das kann man selber nicht beeinflussen. Das beachte ich deshalb gar nicht erst.

Sie sind 19 Jahre alt. Wie ist Ihre Meinung zur Führungsspieler-Debatte: Leitwolf oder flache Hierarchie?

Ter Stegen: In einer Mannschaft sollte es immer eine klare Hierarchie geben. Es gibt Spieler, die eine Mannschaft besser führen können, manche können es weniger gut. Und wiederum andere wollen das gar nicht, sondern wollen nur ihr Spiel spielen und über Leistung kommen. Es gibt ja zwei Typen von Führungsspielern. Derjenige, der vielleicht nicht so viel sagt, aber mit seiner individuellen Qualität seine Leistung Woche für Woche abliefert. Und dann gibt es Spieler, die auch mal dazwischen hauen und was sagen. Beides ist enorm wichtig und beides gehört dazu.

Die Torhüter-Position gilt innerhalb einer Mannschaft als Sonderstellung. Auf keiner anderen Position haben individuelle Fehler so schwere Folgen. Wie gehen Sie persönlich mit diesem Druck um?

Ter Stegen: In der Bundesliga hat jeder Druck. Aber ich mache das, was ich mache gerne. Natürlich möchte auch ich Erfolg haben, dazu gehört einfach Druck. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man weiß, dass man ein bisschen Druck hat, denn dann läuft's.

Zuletzt hatte sich mit Markus Miller ein prominenter Torhüter zum Burn-out bekannt. Die Öffentlichkeit reagiert seit Robert Enke sensibler auf solche Meldungen. Wie haben Sie als Nachwuchstalent den Fall Enke und die Thematik verarbeitet?

Ter Stegen: Ich habe es abends im Fernsehen bei n-tv gesehen, da lief die Meldung unten am Bildschirmrand durch. Ich konnte das in dem Moment kaum glauben, dass jemandem wie ihm, der Woche für Woche Top-Leistungen gebracht hat, auf einmal so etwas passiert. Das regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Haben Torhüter einen isolierten Sonderstatus innerhalb der Mannschaft, sind sie in gewisser Weise Einzelgänger?

Ter Stegen: Es ist schon so, dass jeder den anderen kennt und weiß, wie er ist. Man merkt schon auch, wenn es dem anderen nicht so gut geht. Man findet schon immer Anlaufstellen, wenn man mal was hat. Aber bis jetzt war ich noch nicht in so einer Situation, in der es mir schlecht ging.

Wie wichtig ist neben dem Profi-Sport ein Rückzugsraum wie die Familie oder der Freundeskreis, wo man ganz einfach Marc-André ter Stegen sein kann?

Ter Stegen: Marc-André ter Stegen bin ich ja generell die ganze Zeit. Aber natürlich ist es schön und wichtig, dass man durch Freunde und Familie immer weiß, wo man hingehört.

Und wo gehört Gladbach in der kommenden Saison hin, in den Europapokal?

Ter Stegen: Es wäre vermessen, zum jetzigen Zeitpunkt in irgendeine Richtung irgendetwas vorherzusagen. Wir müssen Woche für Woche schauen. Was dann am Ende dabei herumkommt, das lässt sich jetzt noch nicht absehen.

TV-Tipp:

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