Eurosport - Di 08.Jul. 17:45:00 2008
Klaus Angermann, jahrelang am Eurosport-Mikrofon und insgesamt 41-facher Berichterstatter von der Tour de France, traf vor der 3. Etappe "Geburtstagskind" Erik Zabel und berichtet von Erinnerungen an einen ganz besonderen Fahrer.
Nichts war an diesem 7.Juli 2008 wie früher. Wenn Erik Zabel in der Tour Geburtstag hatte, wartete mindestens ein Dutzend Journalisten am Team-Hotel, um dem Edelsprinter zu gratulieren und Kamerateams auf das erste "Interview zum Tage". Doch diesmal, zu Etes "38.", gab es nur einen einzigen Früh-Gratulanten. So ändern sich die Zeiten. Und mancher Kollege der Zunft, der sich früher vor dem Evergreen verneigte, kann ihm die Sündenbeichte von 2006 wohl nie verzeihen.
Anders als in Zabels großen Jahren sah auch seine Geburtstagstorte aus: Da, wo sonst die kleinen Kerzen dem Feingebäck den feierlichen Glanz geben, ragten kleine rote Möhren in den Geburtstagshimmel, heraus aus einem Untergrund von Frühlingsquark, Räucherlachs und verschiedenem Gemüse. Dieser herzhafter Genuß - zubereitet von "Hobby-Konditor" Stephan Flock, seines Zeichen engagierter Milram-Team-Pressesprecher und dem Chefkoch der Herberge bei Saint-Malo, hatte seinen guten Grund: Milram hat in seiner Produktpalette einen leckeren Frühlingsquark, und den wollten die norddeutschen "Milchmänner" einen bisschen ins Rampenlicht rücken - eigens aus Deutschland in die Tour de France importiert.
Wie die Torte Erik Zabel und seinem Team geschmeckt hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sah das Kunstwerk lecker aus. Zum Frühstück aber aßen die Milramfahrer ihr ganz normales Rennfahrer-Mahl.
"Ein wertvoller Leuchtturm"
Dass ich Erik Zabel schon am Morgen, wie es Tradition seit 15 Jahren ist, im Hotel gratuliert habe, sollte auch ein kleines Zeichen sein, dass seine Erfolge - zwölf Tour-Etappensiege, sechs Grüne Trikots; die Triumphe bei Mailand-San Remo, am Henninger Turm und bei Paris-Tours - für mich noch immer gültig und wertbeständig sind. Genauso wie Zabel auch in seiner 14. Frankreichrundfahrt noch immer zu den besten Sprintern zählt - wenngleich nicht mehr der allerschnellste. Mein Gott, mit 38! Außerdem: Für das junge Milramteam ist der "Berliner Westfale" ein wertvoller "Leuchtturm", an dessen Berufseinstellung, Rennfahrerqualität und Erfahrung sich alle orientieren können.
Etwas sentimentaler war dann der zweite Teil meines Tour-de-France-Vormittags. Anstatt zum Start im malerischen Saint-Malo zu fahren, führte mich ein 90-Kilometer-Umweg in das kleine bretonische Dörfchen Montaudan. Ich wollte und musste - bei meiner vielleicht letzten Tour - endlich das Grab eines frühvollendeten französischen Fahrers besuchen. Er hieß Philippe Tesnière und war 1978, also vor 30 Jahren, die Laterne Rouge, das Schlusslicht der Frankreichrundfahrt, die damals zum ersten Mal von Bernard Hinault gewonnen wurde.
Tesnière aber retteten ich und das ZDF-Filmteam in jenem Jahr vor dem Ausschluß wegen Zeitüberschreitung. Auf einer Alpenetappe, die in Morzine endete, drehten wir die Story des Tour-Letzten und begleiteten diesen, eben Tesnière, vom Einschreiben bis in's Ziel.
"Tesnière blieb im Rennen"
Das Wetter war katatrophal und bei "Londoner Nebel" brach am Ende der Tour die schützende Begleitung für die Letzten zusammen. Tesnière, als Allerletzter, kämpfte sich solo durch bereits aufbrechende Zuschauer, fuhr Slalom durch Autoschlagen und wir im ZDF-Begleitwagen versuchten ihm den Weg frei zu hupen und zu blinken. Dennoch: Als Tesnière das Ziel erreichte, stand die große Uhr bereits seit sechs Minuten still. Sollte heißen - es war zu spät für den Fahrer mit der Startnummer 88. "Ausschluß des Fahrers Tesnière wegen Zeitüberschreitung" hätte am anderen Tag im Protokoll gestanden. Doch das verhinderten wir im letzten Augenblick, fuhren direkt zum Rennbüro und schworen bei der Jury, dass Tesnière wirklich behindert worden war. Kurzum: Tesnière blieb im Rennen, fuhr in Paris als "umjubelter Letzter" ein und erhielt bei den Nach-Tour-Rundstreckenrennen 16 (!) Verträge à 1.800 Französische Francs. Großes Geld für einen kleinen, schlecht bezahlten Rennfahrer.
Aus dieser Episode entstand danach eine schöne Sportfreundschaft. Sie endete jäh im Dezember 1987. Da starb mein "Schürtzling" an der unheilbaren Krankheit. Erst jetzt habe ich mich von ihm verabschiedet. Und seiner Mutter Denise mit meinem Besuch eine unverhoffte Freude gemacht.
A bientôt!
Klaus Angermann
Kommentare 1 - 2 of 2
Gratulation zu Erik Zabels Geburtstag
Sehr geehrter Herr Angermann,
ihr Beitrag auf der Internetseite von Eurosport zur Gratulation zu Erik Zabels Geburtstag hat mir sehr aus dem Herzen gesprochen.
Soweit es meine knapp bemessene Freizeit zulässt, fahre ich selbst auf dem Rennrad, es ist meine Art der Meditation. Aus meiner Sicht gebührt den Leistungen aller Rennfahrer, die es bis zu solchen Veranstaltungen bringen der größte Respekt, auch wenn es deren Erwerbstätigkeit ist.
Beide Teile Ihres Berichtes zeugen von einer Menschlichkeit, die ich in den Reportagen bei vielen Ihrer Kollegen in der Vergangenheit vermisst habe. Ich danke Ihnen dafür.
Ich habe mich oftmals darüber geärgert, dass so berichtet wurde, als müssten sich die Athleten noch dafür entschuldigen „nur“ Zweiter oder sonstig Platzierter geworden zu sein. Ich behaupte, nicht zuletzt hat diese Art von Berichterstattung u.a. auch mit zum Einsatz von Dopingmitteln beigetragen. Ich verurteile das Doping als Mittel zum Zweck, weil es unehrlich und damit unmoralisch ist. Aber wo trifft man denn in den Bereichen der Gesellschaft in der wir leben, wo es um Geld, Profit, Gewinnoptimierung oder Macht und Ansehen geht, noch auf Ehrlichkeit? Das Phänomen Doping ist ein moralisches Problem der Gesellschaft. Es auf den Sport - insbesondere auf den Radsport - zu reduzieren, zeugt eben von der scheinheiligen (Doppel-)Moral dieser Gesellschaft. Vergehen sind konsequent zu ahnden – da gibt es keine Frage. Aber anstatt bei der Wurzel anzusetzen, werden die Sündenfälle, denen man habhaft werden kann, süffisant an den Pranger gestellt. Und wieder ist es die Art und Weise, wie man mit dem Problem umgeht – drehen wir uns im Kreis?
Ich wünsche Ihnen einen guten Tourverlauf und freue mich auf weitere Berichte von Ihnen.
Herzliche Grüße Udo Ritter.
Was für eine unheilbare Krankheit war das denn!?
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