Eurosport - Mo 08.Jun. 09:54:00 2009
French-Open-Champion Roger Federer spricht im Interview über seinen Triumphzug in Roland Garros, gewährt einen Einblick in seine Gefühlswelt im Moment des Aufeinandertreffens mit dem Flitzer und erklärt, warum Rücktrittsgedanken keine Rolle spielen.
Im zweiten Satz hatten Sie eine beunruhigende Situation zu überstehen. Was haben Sie gedacht, als der Flitzer auf Sie zukam?
Roger Federer: "Das hat mich kurz aus der Fassung geworfen, vielleicht hätte ich mich kurz hinsetzen sollen, um den Puls zu beruhigen. Ich habe zunächst gar nicht genau kapiert, was passiert, als das Publikum plötzlich laut wurde. Der Typ hat mich angeschaut und es schien, als wolle er mir was geben. Es war okay, als ich merkte, dass er nichts Böses im Sinn hatte. Und zum Glück ist so etwas nicht das erste Mal passiert. Aber zum ersten Mal kam mir einer wirklich nahe. Er berührte mich sogar. Da bekommt man schon ein mulmiges Gefühl."
War die Partie gegen Söderling, der im Achtelfinale immerhin Rafael Nadal bezwungen hatte, einfacher als gedacht?
Federer: "Der zweite Satz war der Schlüssel. Ich habe einen der besten Tiebreaks meiner Karriere gespielt mit vier Assen. Mental war es aber sehr schwierig, im Match zu bleiben. Im Kopf habe ich mir immer Fragen gestellt: 'Was passiert, wenn ich gewinne? Was wird das bedeuten? Was werde ich sagen?' Ich war sehr nervös."
Welche Leistung ist denn nun größer einzuordnen: die Rekordzahl von 14 Grand-Slam-Titeln oder die Tatsache, bei allen vier Grand-Slam-Turnieren mindestens einmal gewonnen zu haben?
Federer: "Beide sind unglaublich. Ich werde mir jetzt nicht selber Komplimente machen, aber wenn man 14 gewinnt, heißt das, dass man die anderen drei auch oft gewonnen hat, was über die Jahre schwierig ist. Alle vier zu gewinnen, geht vielleicht schneller, weil du im richtigen Moment in guter Form bist. Ich weiß es nicht."
Für viele sind Sie schon jetzt der größte Tennisspieler der Geschichte. Was denken Sie darüber?
Federer: "Ich habe immer gesagt, es ist schön, zu den Besten zu gehören. Ich bin stolz auf das, was ich in meinem Sport erreicht habe. Ich weiß nicht, ob wir jemals wissen, wer der Größte aller Zeiten war, aber im Moment bin ich glücklich, dazuzugehören."
Wenn Sie noch nicht der Beste sind, wollen Sie der Beste werden?
Federer: "Ich habe versucht, die bestmögliche Karriere zu haben und am Ende sollte das beurteilt werden. Wie gut war ich? Gut? Großartig? Sehr gut? Oder eher Mittelmaß? Das sollen andere entscheiden."
Nach der Finalniederlage bei den Australian Open gab es viele Diskussionen um Sie. Ist dieser Sieg wie ein Neustart?
Federer: "Ich bin sehr stolz auf meine Karriere und habe viel mehr erreicht, als ich erreichen wollte. Mein Kindertraum war, einmal Wimbledon zu gewinnen, ich habe es fünfmal geschafft. Den Sieg in Paris habe ich seit Jahren im Kopf. Ich habe sehr hart gearbeitet, um diesen letzten Grand Slam zu gewinnen."
Ihre Frau erwartet ein Baby. War es wichtig für Sie, während des Turniers daran zu denken?
Federer: "Für mich sind das zwei unterschiedliche Sachen. Mein Privatleben ist ein Teil meines Lebens, und der Beruf ist ein anderer. Gott sei Dank gehört Mirka zu beiden Teilen meines Lebens und ich bin sehr glücklich, dass wir ein Baby erwarten. Wir warten ungeduldig auf diesen Moment im Sommer. Ich weiß aber nicht, ob dieser Sieg viel damit zu tun hat. Natürlich ist es toll, in diesem Moment meiner Karriere zu gewinnen, es hätte keinen besseren geben können. Wir haben geheiratet, Mirka erwartet ein Baby, vielleicht ist es noch emotionaler. In meinem Leben passt derzeit alles."
Wenn Sie jetzt zurücktreten würden - wären Sie glücklich?
Federer: "Natürlich, weil ich alles gemacht habe, was ich machen musste. Ich habe immer gesagt: Wenn ich einmal zurücktrete, werde ich mit mir im Reinen sein. Ich könnte morgen aufhören, aber ich werde es nicht tun, weil ich derzeit keine Lust habe. Ich weiß auch, dass die Karriere nicht mein ganzes Leben dauern wird, aber ich habe noch keinen Gedanken an einen Rücktritt verschwendet."
Kommentare 1 - 3 of 3
Wer ist der Beste? Wie relativ das ist! Vielleicht ist die Nr. 50 der Beste, weil er die grössten Widerstände überwinden musste, um die Nr. 50 zu werden. Es wird immer schön bleiben, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Toll einfach, dass der aktuelle Top-Star ein so menschlicher ist! Auch deshalb sind wir in der Schweiz so stolz auf Roger.
tolles interview!
wie immer sehr sympatisch, der herr federer.
Roger the best!!!!!!!
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