London 2012 - Howman: "Blutdoping war niemals erlaubt"
Mi 08.Feb. 13:53:00 2012
David Howman ist seit 2003 Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). In einem Interview bezieht er Stellung zur Erfurter Affäre, zum Prozess um die lebenslange Sperre und dem Anti-Doping-Programm bei den Olympischen Spielen.
In Deutschland gibt es in der Erfurter Blutmanipulations-Affäre eine Kontroverse, ob die UV-Bestrahlung von Blut eine verbotene Methode ist und ob sie schon vor Inkrafttreten des neuen WADA-Codes am 1. Januar 2011 nicht erlaubt war?
David Howman: Blutdoping ist seit langer Zeit verboten. Die Definition hat sich nicht geändert. Sie ist im WADA-Code von 2011 nur präziser als die von 2004. So einfach ist das. Blutdoping war niemals, niemals erlaubt. Die NADA sollte mit den Ermittlungen fortfahren. Ihr Job ist, den sportlichen und zivilen Gerichten ihre Beweise zu geben und den Prozess zu beobachten. Wenn die Gerichte so entscheiden, dass wir es für richtig erachten, okay, wenn es falsch laufen sollte, greifen wir ein.
Und ist die UV-Bestrahlung eine verbotene Methode?
Howman: Es ist eine Methode, die verboten ist. Die Untersuchungen sind im Gange, und wir werden sehen, was herauskommt.
Bereits bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin gab es eine Affäre um UV-Bestrahlung von Blut. Österreichische Langläufer und Biathleten sollen diese Methode angewendet haben. Warum hat die WADA den Welt-Anti-Doping-Code erst 2011 präzisiert?
Howman: Die Wissenschaft bewegt sich. Wir lernen von Erfahrungen.
Der Fall des spanischen Radprofis Alberto Contador ist mit einer zweijährigen Sperre zu Ende gegangen. Das Internationale Sportgericht sah es nicht als erwiesen an, dass der Verzehr eines Steaks zu positiven Proben geführt hat. Das Problem Clenbuterol bleibt. Es gibt Länder, in denen Fleisch nachweislich mit diesem Kälbermastmittel kontaminiert ist.
Howman: Wir hatten 1999 die Sache mit Nandrolon als Nahrungsergänzungsmittel. Das war damals etwas anders, aber auch neu. Was den Fall Contador angeht: Das Gericht hat alles untersucht und der Athlet hat 3000 Seiten an Belegen vorgelegt. Am Ende hat das Gericht auf Grundlage der Fakten entschieden und festgestellt, dass das Fleisch nicht kontaminiert war. Von anderen Fällen wissen wir, dass es ein Problem mit Fleisch geben kann, so in Mexiko und China. Und wir haben für beide Länder eine Warnung herausgegeben.
Können in diesen Ländern noch internationale Wettkämpfe oder Trainingslager stattfinden?
Howman: Sie können dort stattfinden, doch man muss vom Gastgeber eine Garantie fordern, dass die Nahrungsmittel sauber sind.
Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) will im März entscheiden, ob die im Regelwerk des britischen Nationalen Olympischen Komitees (BOA) vorgesehene lebenslängliche Olympia-Sperre für Doping-Sünder mit dem WADA-Code vereinbar ist. Was folgt, wenn der CAS feststellt, dass die Regel ein Verstoß gegen den Kodex ist?
Howman: Dann muss das BOA die Regel ändern. Das ist einfach.
Könnte die lebenslange Sperre und die vom CAS bereits gekippte "Osaka-Regel" des IOC, wonach ein mehr als sechs Monate gesperrter Doper an den nächsten Olympischen Spielen nicht teilnehmen darf, Bestandteil des neuen WADA-Codes werden?
Howman: Wir sind offen für jeden sensiblen Vorschlag, der in der Praxis funktioniert. Er muss aber auch den Menschenrechten und den Rechten der Athleten gerecht werden. Ein sauberer Athlet würde sagen, sperrt den Betrüger lebenslänglich, ein Menschenrechtler würde sagen, das kann man nicht tun. Wir müssen die Balance halten bei allen Sanktionen, die wir festschreiben.
Wie stehen die Chancen für eine Aufnahme der lebenslangen Sperre?
Howman: Das habe ich nicht zu entscheiden, sondern die Mitglieder. Es ist aber eine Möglichkeit.
Bei den Olympischen Spielen und Paralympics in London sind 6500 Doping-Tests geplant. Ein Rekord, mehr nicht?
Howman: Ich denke, dass es sehr wichtig ist, der Welt zu zeigen, dass die Athleten auf dem Podium sauber sind und dass es ein sehr effektives Wettkampf- und Trainingskontrollsystem gibt.
Wie steht es im Wettlauf zwischen Doper und Anti-Doping-Kämpfer?
Howman: Es gibt einige ausgebuffte Doper, die sehr gut mit Mitteln versorgt sind. Das kostet sie aber eine große Anstrengung.
Gilt die Regel: Gute Athleten mit viel Geld bekommen die besten, möglicherweise nicht nachweisbaren Mittel?
Howman: Das wird wohl so sein. Doch es ist auch so: Die besten Athleten sind entweder gute Menschen oder Betrüger, die Geld verdienen wollen.
Was ist momentan die größte Bedrohung des sauberen Sports?
Howman: Das ist der kriminelle Untergrund, der Trainer und Athleten mit Doping-Mitteln versorgt und viel Geld mit dem Handel verdient.
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