Eurosport - Di 08.Jan. 16:48:00 2008
Ronnie O'Sullivan also ist der UK Champion 2007. Aber er hat diesen Titel nicht einfach nur gewonnen, er hat triumphiert. Sicher hatte er in Telford auch schon in den Runden zuvor überzeugt, aber im Finale erreichte sein Spiel noch einmal eine höhere Ebene.
Er selber hatte vor dem Endspiel ja auf die Defizite hingewiesen: "Stephen hat ja recht, wenn er sagt, dass ich einige Chancen liegenlasse."
Das hat er im Finale nicht gemacht, und das das war neben den Fehlern von Stephen Maguire der entscheidende Schlüssel zum Erfolg. Aber was hat dazu geführt? Sicher: Bei der UK Championship, beim Masters und bei der Weltmeisterschaft ist Ronnie immer besonders motiviert; das sind die Titel, die er gewinnen will. Aber auch bei diesen Turnieren hat er ja schon schlechte Leistungen abgeliefert.
Ein anderer Grund war der Finalgegner. Ronnie schätzt Stephen Maguire sehr. Nach dem Finale hat er das ja auch noch einmal angesprochen: "Von diesen jungen Spielern, die gerade nach vorne drängen, ist er der Beste." Stephen spielt in seinen Augen einfach das "richtige" (so würde er es formulieren) Snooker: aggressiv, nach vorne drängend, effektiv, unterhaltsam.
Familiäres Umfeld ist wichtig
Aber auch der unter Depressionen leidende Ronnie O'Sullivan kann nur Top-Leistungen abrufen, wenn bei ihm alles in Ordnung ist; ganz entscheidend ist dabei für ihn offensichtlich das familiäre Umfeld. Wer ihn gestern mit Lebensgefährtin Jo und den beiden gemeinsamen Kindern erlebt hat, der konnte spüren, wie sehr ihm das Halt gibt und wie gut dieses intakte familiäre Umfeld die Dämonen in seinem Kopf unschädlich machen kann. Ronnie war ja schon immer ein Familienmensch; sonst hätte er nicht so durch die Abwesenheit seines Vaters gelitten.
Ein weiterer Punkt, der ihm hilft, mit seinen Depressionen zu leben, hat er in Telford auch verraten: das Laufen. Die psychische Wirkung des Laufens, die ja bis hin zu Euphorie führen kann, ist ja schon vielfach beschrieben worden. Ronnie wäre nicht Ronnie, wenn er das nicht auch konsequent angehen würde. So arbeitet er eigens mit einer Lauftrainerin zusammen. Eine Zeit von gut 36 Minuten auf 10.000 Metern erlaubt ihm dabei, das große Heer der Hobbyläufer locker hinter sich zu lassen.
Maguire trotz Pleite zufrieden
Trotz der klaren Niederlage im Finale kann aber auch Stephen Maguire erhobenen Kopfes Telford verlassen. Zuvor hat er große Leistungen gezeigt. Er selbst hat es ja nach dem Endspiel im International Centre gesagt: "Letzten Monat in Belfast habe ich gewonnen. Hier stehe ich wieder im Finale. In der Rangliste bin ich bis auf Platz zwei vorgerückt. Da muss ich ja was richtig machen." Absolut korrekt. Das muss er nur verinnerlichen. Dann verursacht die Pleite gegen Ronnie auch keinen Knacks.
Mein Rat an Stephen Maguire wäre, gar nicht so viel über dieses Finale zu grübeln. Es gibt solche Tage, an denen irgendwie nichts läuft. Das hat jeder von uns schon erlebt. Gegen einen Ronnie O"Sullivan in Top-Form gerät man da schnell in eine Abwärtsspirale ohne Halt. Die Briten haben dafür eine schöne fatalistische Formulierung: "Just another bad day at the office." Abhaken, vergessen, nach vorne blicken.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
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