DDR-Kultvereine: FC Karl-Marx-Stadt
20 Jahre nach der Wende sind viele Topklubs des DDR-Fußballs in der Versenkung verschwunden. Wo stecken die damaligen Kultvereine heute? eurosport.yahoo.de hat sich auf die Suche begeben und stellt Ihnen in einer mehrteiligen Serie die wichtigsten Teams aus dem Osten vor. Heute: FC Karl-Marx-Stadt.
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Von Dirk Adam
Kurz nach dem Wende-Herbst schwebten die "Himmelblauen" für kurze Zeit auf Wolke sieben. Der FC Karl-Marx-Stadt träumte von der Meisterschaft, doch in der vorletzten Oberliga-Saison fehlte am Ende ein Punkt zu Platz eins. Mittelfeld-Star Rico Steinmann blieb nicht nur dieser Titel verwehrt. Das "ewige Talent" konnte seine spielerische Klasse später in der Bundesliga nie ganz unter Beweis stellen. Einen Einsatz im DFB-Team schaffte der 23-fache DDR-Nationalspieler nicht.
Die großen Erfolge
Im Gegensatz zum BFC Dynamo, Dynamo Dresden und Magdeburg spielte Karl-Marx-Stadt in den 60er, 70er und 80er Jahren eher die zweite Geige in der Oberliga. Bis auf wenige Ausnahmen: 1967 holte sich die Mannschaft von Trainer Horst Scherbaum die erste und auch einzige DDR-Meisterschaft. Bekanntester Akteur war damals Dieter Erler, der beim FCK in dieser Saison zum "Fußballer des Jahres" gewählt wurde und immerhin auf 47 Einsätze in der Nationalmannschaft kam.
Trotz großer Akteure wie Jürgen Bähringer (1 Ländespiel) und Michael Glowatzky (9 Länderspiele) mussten sich die Fans in Karl-Marx-Stadt lange gedulden, bis die "Goldene Generation" mit Rico Steinmann wieder um den Titel kämpfte. Ausgerechnet im Wendeherbst 1989 schwangen sich die "Youngster" auf, den Topfavoriten die Meisterschaft streitig zu machen. Steinmann & Co. sollte der große Coup aber nicht gelingen. Dresden holte sich auf Grund des besseren Torverhältnisses den Titel.
Licht und Schatten
1989/90 war es, als der FCK seine einzigen Erfolge auf internationaler Bühne feierte. Das Team von Trainer Hans Meyer, der den FC Karl-Marx-Stadt und späteren Chemnitzer FC von 1988 bis 1993 betreute, musste sich erst im Achtelfinale des UEFA-Pokals gegen Juventus Turin geschlagen geben. Neben diesen lichten Momenten gab es aber auch schwarze Stunden. In der letzten Oberliga-Saison 1990/91 als einer der heißen Favoriten auf den Titel gestartet, mussten sich die Sachsen mit Platz fünf hinter Hansa Rostock, Dresden, Erfurt und Halle begnügen.
Obwohl sich Steinmann 1990 gegen einen Wechsel in den Westen entschieden hatte, um mit seinem Heimatverein die Meisterschaft zu holen, schaffte der am 13. Juni 1990 in Chemnitzer FC umbenannte Verein nur einen Sieg in den ersten sieben Spielen und nur drei in der gesamten Hinrunde. Der Bundesliga-Traum war geplatzt. Nicht aber für Steinmann, der im August 1991 seinen Wechsel zum 1. FC Köln bekannt gab. Ein Jahr zuvor hatten sich bereits Bremen und Dortmund um den Edel-Techniker gerissen.
Ohne Erfolg, denn Chemnitz besserte das Gehalt seines wichtigsten Spielers auf. Durch massive finanzielle Anstrengungen konnte die Mannschaft des Vize-Meisters zusammengehalten werden, was aber für Streit sorgte. Innerhalb des Teams wurde die Stimmung vergiftet, nachdem in einer Lokalzeitung öffentlich über das Gehalt von Steinmann spekuliert wurde. Das Gleichheitsprinzip hatte keine Geltung mehr. Neid und Missgunst regierten und ließen die fest geplante Qualifikation für die Bundesliga scheitern. Daran konnte auch Erfolgstrainer Meyer nichts ändern.
"Diese Situation haben sowohl ich als auch der Verein unterschätzt. Natürlich waren wir in der Saison 1990/91 ein Team, das schon ewig zusammengespielt hat – teilweise sind wir sogar gemeinsam zur Schule gegangen - aber damals blieb es natürlich nicht aus, dass jeder wusste, dass ich nicht nur ein bisschen mehr verdiene als die anderen, sondern eine ganze Menge mehr", erklärt Steinmann gegenüber eurosport.yahoo.de. "Da ist Neid aufgekommen und spielerisch konnten wir nicht an das anknüpfen, was wir 1990 mit dem Gewinn der Vize-Meisterschaft geschafft hatten."
Trainer und Spieler
Neben Meistertrainer Horst Scherbaum sind den Fußball-Experten vor allem Hans Meyer, Reinhard Häfner und Christoph Franke in bester Erinnerung. Während Meyer sein Team um Steinmann herum zusammenbaute und Häfner die Mannschaft lange Zeit in der Zweiten Liga hielt, sticht Franke mit der Förderung von DFB-Kapitän Michael Ballack heraus. Unter ihm entwickelte sich der 98-fache Nationalspieler ab 1996 vom Nachwuchskicker zum gestandenen Fußball-Profi. Der sympathische und vor allem besonnene Übungsleiter musste aber mit ansehen, wie Ballack den Verein 1997 in Richtung Kaiserslautern verließ.
Otto Rehhagel hatte sich damals um den 21-Jährigen bemüht, der zuvor in 34 Regionalliga-Einsätzen für den Chemnitzer FC auf sich aufmerksam gemacht hatte. Ballack gehörte der zweiten "Goldenen Generation" an, die der Verein nach Steinmann hervorbrachte. Während sein großes Vorbild auf Grund des ungewohnt harten Konkurrenzkampfes meist nur Edel-Reservist in Köln blieb, startet Ballack in der Bundesliga durch. Den Stationen in Kaiserlautern und Leverkusen folgten Bayern München, Chelsea und noch einmal Leverkusen.
Der exzellenten Nachwuchsarbeit entstammte auch Eberhard Vogel, der später lange erfolgreich für den FC Carl-Zeiss-Jena spielte. Der 74-fache Nationalspieler begann seine Karriere im Jahr 1959 in Karl-Marx-Stadt, bevor er 1970 zu Trainer Georg Buschner nach Thüringen wechselte. "Schorsch" Buschner war damals Nationaltrainer und wollte den Stürmer unbedingt verpflichten, der gerade mit seiner Mannschaft aus der Oberliga abgestiegen war. Drei Jahre zuvor wurde er noch Meister mit dem FC Karl-Marx-Stadt.
Heißer Wendeherbst
Der politische Umschwung in der DDR ging an keinem Team so spurlos vorbei wie an Karl-Marx-Stadt. Obwohl die Stadt ihren alten Namen am 1. Juni 1990 zurückbekam und sich das Leben vieler Deutscher in der DDR veränderte, blieb die Mannschaft fast komplett zusammen. Steinmann hielt seinem Verein die Treue, auch über 1990 hinaus. Während sich die Westvereine im Osten reichlich bedienten und Spieler wie Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Andreas Thom, Thomas Doll, Hans-Uwe Pilz und Matthias Döschner holten, streifte Steinmann noch eine Saison das neue CFC-Trikot über.
Aber Kölns Sportdirektor Udo Lattek ließ nicht locker, rief immer wieder an und setzte sich gegen die Abwerbungsversuche anderer Bundesliga-Vereine durch. Nach dem schlechten Start in die letzte Oberliga-Saison war frühzeitig klar, dass Steinmann trotz aller Beteuerungen seinen Herzensverein verlassen wird. 1991 wechselte er für 3,6 Millionen Mark zu den "Geißböcken" und nahm den Platz von Pierre Littbarski hinter den Spitzen ein, der sich zu diesem Zeitpunkt verletzt hatte. Insgesamt blieb Steinmann sechs Jahre beim FC, bevor er 1997 zum FC Twende Enschede ging. Dort arbeitete mit Trainer Hans Meyer ein alter Bekannter aus Karl-Marx-Städter Zeiten. 2002 übernahm Steinmann für kurze Zeit das Manager-Amt beim Chemnitzer FC und machte Oberliga-Urgestein Frank Rhode zum Coach.
"Ich habe vor acht Jahren eine Zeit lang im Vorstand mitgearbeitet. Und wenn man so lange im Fußball-Geschäft tätig war, dann hat man auch die Erfahrung und versucht diese den Jugendlichen zu vermitteln. Im Moment steht die Mannschaft in der Regionalliga auf Rang eins. Aber man muss Schritt für Schritt gehen. Alles andere werden wir sehen", so Steinmann, der in seiner Heimatstadt eine Nachwuchs-Akademie eröffnen will. "Das Konzept steht. Aber wir suchen noch nach einem geeigneten Objekt. Die Fußball-Schule ist mein kleiner Traum. Als ehemaliger Fußballer will ich meine Erfahrungen weitergeben und auch etwas für die jungen Spieler tun."
Leuchtturm in der Zweiten Liga
Während viele DDR-Vereine in den 90er Jahren in der Versenkung verschwanden, spielte der Chemnitzer FC von 1991 bis 1996 in der Zweiten Liga. Das letzte Tor in der DDR-Oberliga erzielte Ulf Mehlhorn mit einem Kopfball zur 1:0-Führung gegen den Halleschen FC. Das Spiel endete 1:1 und brachte den Sachsen den nötigen Punkt ein, der zur direkten Qualifikation für die 2. Bundesliga berechtigte. In der ersten gesamtdeutschen Saison schaffte Chemnitz immerhin Platz vier und hatte auch in den folgenden Jahren nichts mit dem Abstieg zu tun.
Das Team wurde mit erfahrenen Spielern wie Thorsten Gütschow und Henri Fuchs sowie mit Silvio Meißner und Radek Drulak verstärkt. Zudem kickte auch Jan Geyer, der Sohn von DDR-Nationaltrainer Eduard Geyer, beim CFC. Der Stürmer spielte viele Jahre gemeinsam mit Jens Jeremies und Alexander Zickler im Nachwuchsteam von Dynamo Dresden, bevor er 1993 gemeinsam mit Trainer Reinhard Häfner nach Chemnitz wechselte.
Rückschläge
Im selben Jahr erlebte Chemnitz einen herben Dämpfer. Nachdem sich das Team bereits fürs DFB-Pokal-Halbfinale qualifiziert und das Final-Ticket vor Augen hatte, unterlag man in der Saison 1992/93 gegen die Amateure von Hertha BSC mit 1:2. Ein bitterer Rückschlag und auch einer der Gründe, warum Trainer Hans Meyer seinen Hut nehmen musste. Aber Chemnitz ließ sich nicht beirren und konzentrierte sich fortan auf die 2. Bundesliga.
Nach fünf Jahren erwischte es aber auch die tapferen Sachsen. Das Team stieg ab und musste einen Neuanfang in der Regionalliga starten. Der Chemnitzer FC zog wieder zurück an die "Fischerwiese" ins einstige Kurt-Fischer-Stadion, das heute Stadion an der Gellertstraße heißt. Zwar schaffte die Mannschaft 1999 nach einem 0:1 und 2:0 gegen Osnabrück in der Relegation der Regionalliga Nordost den Wiederaufstieg in die Zweite Liga, musste 2001 aber erneut absteigen. Überhöhte Ansprüche, unglückliche Personalentscheidungen und finanzielle Engpässe führten zum Kollaps.
Drei Siege aus 34 Spielen brachen den Sachsen 2000/01 das Genick. Das Team war zerstritten und auch die Verpflichtung von Rico Steinmann als Manager brachte nicht viel. 2005/06 ging's sogar noch eine Etage tiefer. Die "Himmelblauen" spielen seit dem deutschen WM-Sommer viertklassig, und führen in dieser Saison klar die Tabelle der Regionalliga Nord an. Unter Trainer Gerd Schädlich, der bereits Erzgebirge Aue als "Zweitliga-Macht" etablierte, nimmt Chemnitz nun den Drittliga-Aufstieg ins Visier. "Ich bin mir sicher, dass sie es schaffen", gibt sich Steinmann zuversichtlich und hofft, dass sein ehemaliges Team wieder in den bezahlten Fußball zurückkehrt.
Experten-Stimme:
Dirk Thiele (ehemaliger DDR-Sportreporter): "Sie nannten sie die 'Himmelblauen', aber eigentlich waren sie die 'Grauen'. Die Konstellation in Sachsen war sicher nicht mit der des Ruhrgebiets zu vergleichen, aber dennoch gab es auf relativ engem Raum eben Dynamo Dresden, Sachsenring Zwickau und Wismut Aue und die hatten ein andere Stamm-Anhängerschaft. Politisch sollten schon Dynamo Dresden und der FCK fußballerisch die erste Geige spielen - nur bei den Karl-Marx-Städtern war diese doch oft verstimmt. Traditionen wollten sich nur schwer entwickeln, der unselige Namenswechsel der Stadt spielte gewiss eine Rolle. Dabei war die Nachwuchsarbeit beim FC Karl-Marx-Stadt eine der besten in der DDR. Fragen Sie nach bei Michael Ballack. Aber heraus kam halt zu wenig."




Kommentare 1 - 8 of 8
@Hans-Joachim Strutz naja, ehrlicherweise muss man sagen, dass es in der ddr elegantere truppen als den @#$% gab (dresden, jena, magdeburg...), wir haben unsere himmelblauen aber trotzdem geliebt und tun es immer noch (erst recht in dieser saison, in der sie uns so viel freude wie schon lange nicht mehr machen).
kurze rüge an den autor: das dfb-pokal halbfinale wurde nicht 0:1, sondern 1:2 verloren (was nichts am ausscheiden ändert). war vor ort und diese niederlage ist heute noch eine offene wunde...vier jahre vorher beim 0:1 (daher vllt. die verwechslung) im fdgb-pokal finale wussten wir, dass man bei dem damaligen gegner bfc dynamo quasi keine chance haben würde. aber diese gelegenheit nicht zu nutzen, tat richtig weh.
Danke für diese Serie, Fortsetzung erwünscht. spannend wäre auch eine rückschau auf deutsch-deutsche europapokal duelle. macht mal, ihr könnt es doch...
Tolle Serie - weiter so ! Warte auf den Bericht über die BSG Sachsenring Zwickau . Zu Ballack kenne ich noch eine Episode : Ballack wollte von Görlitz nach Zwickau wechseln und da war Schädlich gerade Trainer . Dieser Schädlich wollte den Ballack nicht , da er ihn für zu schlecht hielt ! Da ist er nach Chemnitz gewechselt - Lol ???
Manchmal brauchte man halt alte Genossen...und sei es, um der Haupttribüne eine Überdachung zu schenken ;-)
interessanter artikel, schöne serie. mehr davon
Hätte mir mehr Informationen auch aus DDR-"FC Karl-Marx-Stadt"-Zeiten gewünscht. Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt diesmal eindeutig in der spannenden Wendezeit sowie der gesamtdeutschen Ära. Da war der vorletzte Artikel über den Halleschen FC insgesamt wissenswerter. Es ist aber schön, dass die Serie weitergeführt wird. Danke!
Vielen Dank für diesen sachlichen Beitrag, der mit viel fachlicher Kompetenz geschrieben wurde! Ich als Chemnitzer drücke alle Daumen, dass die Mannschaft den Aufstieg schafft und dadurch auch die Publikumsresonanz weiter ansteigt.
Das gute Spiel gegen Stuttgart, wo eine begeisternde Kulisse hinter der Mannschaft im Pokal stand, lässt hoffen!
Karl-Marx-Stadt hat in der DDR immer einen feinen Fußball gespielt und war - soweit ich das einschätzen kann - nicht ganz so nah an der Staatsführung dran. Aber die großen Kombinate mit ihren Genossen hatten bestimmt auch beim @#$% ein gewaltiges Wörtchen mitzureden. Ohne die SED ging so gut wie nichts... und schon gar nicht im Sport. Unpolitisch war eigentlich nie was. Aber wie gesagt, ich habe die sympathischen Kicker aus der Stadt von "Charly Chemnitzer" in allerbester Erinnerung. :-)
sehr, sehr guter artikel. habe ihren dresden-berciht ebenfalls gelesen und muss sagen, dass sie bei karl-marx-stadt noch ne schippe draufgelegt haben.
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