Bundesliga - "Die enorme Fallhöhe ist das Tragische"
Di 07.Feb. 10:54:00 2012
Im Interview der Woche spricht Patrick Strasser über die Alzheimer-Erkrankung von Rudi Assauer. Der Sportjournalist der Münchner "Abendzeitung" schrieb gemeinsam mit dem Ex-Manager das vor kurzem erschienene Buch "Wie ausgewechselt - verblassende Erinnerungen an mein Leben".
Das Interview führte Daniel Rathjen (twitter: @DanielRathjen)
Herr Strasser, Sie waren mit Rudi Assauer auf Zeitreise. Was war er, was ist er und was wird er für ein Mensch?
Patrick Strasser: Wer er war, weiß jeder. Sein Image kommt nicht von ungefähr. Er hat extrovertiert, impulsiv gelebt. Die Krankheit hat ihn verändert. Nun ist er in sich gekehrt, ruhig, zurückhaltend, abwartend. Ich würde sagen, fast schon liebenswürdig. Da ist ein Manager, der jahrelang sein Handy kaum aus der Hand gelegt hat und weiß plötzlich nicht mehr, wie er es bedienen soll. Oder er bringt Namen und Uhrzeiten durcheinander. An schlechten Tagen verschwindet der Tag- und Nachtrhythmus. Man möchte ihm helfen. Was aus ihm wird, hängt vom weiteren Verlauf der Krankheit ab.
Wie haben Sie die Treffen mit ihm empfunden?
Strasser: Sehr angenehm. Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Nach einem kurzem Plaudern und Flachsen haben wir uns dann immer relativ schnell an den Schreibtisch gesetzt. "Es geht an die Arbeit!", hat er dann gesagt.
Das Tückische an einer Alzheimer-Erkrankung ist, dass der Mensch, der daran leidet, über kurz oder lang alles vergisst. Wie ist es da möglich, eine Biographie zu verfassen?
Strasser: Was natürlich nicht ging, war, sich hinzusetzen und zu fordern: Jetzt erzählen Sie mal! Das war einerseits die Schwierigkeit, andererseits die Herausforderung. Spezielle Anekdoten musste ich mir anlesen. Er sprang schon darauf an, dann sprudelte es nahezu aus ihm heraus und man kann gemeinsam in so einen Tag - beispielsweise aus den 60er Jahren - eintauchen.
Hat Sie das überrascht?
Strasser: Nein. Ich habe zwei Familienmitglieder, die ebenfalls an Alzheimer erkrankt waren, bis in den Tod begleitet. Ich wusste, wie ich solchen Menschen gegenübertreten kann, begegnen sollte. Was mich bei Rudi Assauer trotzdem überrascht hat, war seine Geduld. Wir haben stundenlange Gespräche mit viel Zigarrenqualm geführt. Und, wenn überhaupt, war es meine Aufgabe zu sagen, wir brauchen jetzt mal eine Pause.
Wie ist dieser Enthusiasmus zu erklären?
Strasser: Die Ärzte sagen, dass es für Alzheimer-Patienten eine Freude ist. Du bringst alte Fotos mit, Zeitungsausschnitte. Im medizinischen Jargon nennt sich das "Biographie-Arbeit". Die gemeinsame Zeitreise sorgt für Beschäftigung und lenkt vom Alltag ab.
Es heißt, bei Rudi Assauer gebe es "gute und schlechte Tage". Die guten haben Sie schon beschrieben, was passiert an schlechten?
Strasser: Wenn ich Rudi Assauer an schlechten Tagen auf alte Zeiten bei Borussia Dortmund angesprochen habe, auf Legenden wie Lothar Emmerich oder Aki Schmidt - da kam dann eigentlich nur: "Ja, das war ein guter Kerl" oder "Ja, das war ein verrückter Hund." Oder auf schlimme Streits mit Daum, Schafstall oder Thon, hieß es nur: "Wieso? Was war denn da?" Es ist ein Schutzmechanismus. Alzheimer-Patienten können sich dann nicht mehr erinnern und versuchen, das Thema durch solch eine Antwort abzukürzen.
Sind Sie deshalb auch davon abgewichen, das Buch in der Ich-Form zu verfassen?
Strasser: Ja, nach zwei Treffen habe ich beim Verlag und Assauers Familie um Rücksprache gebeten. Ich habe gesagt: So kauft uns das keiner ab. Da ist einerseits das Outing, andererseits wird das Leben detailgetreu nacherzählt. Das hat nicht zusammengepasst, deshalb entstand eine Art Mischform.
Haben Sie Mitleid mit Rudi Assauer?
Strasser: Es ist tragisch, ohne Frage. Aber während der Arbeit mit ihm durfte ich kein Mitleid zeigen oder ungeduldig werden, das wollte er nicht hören.
Sie haben ihm vergangene Woche ein fertiges Exemplar des Buches übergeben. Hat das Outing bei ihm für Erleichterung gesorgt?
Strasser: Definitiv. Die Erleichterung ist da und es ist gut für ihn, dass es raus ist. Er war zwar am Samstag nicht beim Schalke-Spiel, wird künftig aber bestimmt wieder ins Stadion gehen. Er hat die Transparente auf den Rängen gesehen, er kann das schon noch verarbeiten. Das wichtigste für ihn wird sein, dass er sich nicht mehr verstecken oder herumdrucksen muss. Die Leute wissen, was Sache ist und werden von nun an ganz anders mit ihm umgehen und nicht mehr hinter vorgehaltener Hand sagen: Was ist denn mit dem los, hat er wieder zu viel getrunken?
Was haben Sie persönlich von der Arbeit an dem Buch mitgenommen?
Strasser: Rudi Assauer hat sein ganzes Leben lang hart für seine Ziele gekämpft, wie beispielsweise für die Fertigstellung der Arena "AufSchalke". Nun weiß er, dass in nicht allzu ferner Zukunft der Tag kommen wird, an dem er sich nicht einmal mehr daran erinnern kann, dass er es war, der sie dort hingestellt hat. Diese enorme Fallhöhe ist das eigentlich Tragische. Da relativiert sich tagesaktuelle Aufregung in meinem Job als FC-Bayern-Reporter oder der Ärger irgendwelcher Spieler, Trainer oder Manager über einen 1:1-Ausgleich in letzter Minute.
Gibt es irgendetwas, das Rudi Assauer Hoffnung verleiht?
Strasser: An einer Stelle im Buch steht sinngemäß: Wenn es einen kleinen positiven Aspekt dieser Alzheimer-Erkrankung gibt, dann ist es vielleicht die Tatsache, dass auch Konflikte erlischen und der Ärger nicht mehr in einem wohnt.
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