Pechsteins zähes Warten: Immer mehr Fragezeichen

Do 05.Nov. 14:43:52 2009

Berlin (dpa) - Aus Zuversicht ist «Ratlosigkeit» geworden: Claudia Pechstein reagiert verbittert, Verbands-Präsident Gerd Heinze tief enttäuscht. Der Fall der gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin wird allmählich zur unendlichen Geschichte.

Nach dem überraschenden Aufschub der Frist für die Urteilsverkündung sind die Fragezeichen in der Causa Pechstein noch größer geworden. «Die Grenze der Belastbarkeit ist eigentlich schon lange erreicht. Aber es liegt leider nicht in meiner Macht, an der Situation etwas zu ändern. Von daher muss ich das Warten akzeptieren, auch wenn es schwer fällt», erklärte die Berlinerin frustriert. Auf die geplanten Trainingsrunden verzichtete die 37-Jährige, um den unangenehmen Frage der Teamgefährten und der internationalen Konkurrenz zu entgehen.

Fest steht damit, dass der Traum von der zehnten olympischen Medaille in Vancouver in weiter Ferne gerückt ist. Zumindest die ersten beiden Weltcup-Rennen in Berlin und Heerenveen muss die Berlinerin abschreiben. Im Falle eines Freispruchs könnte sie nun frühestens beim Weltcup in Hamar am 21. November einsteigen. Sie könnte dann aufgrund ihrer Vorjahrs-Leistungen zwar die Wildcard für die A-Gruppe bekommen, doch die Punkte der ersten Rennen würden ihr in jedem Falle fehlen. Das Weltcup-Gesamtklassement nach den ersten fünf Saison-Stationen ist maßgeblich für die Reihenfolge in den ersten beiden Startgruppen bei Olympia. Dadurch würde sie gegen schwächere Konkurrenz laufen, was auf den Langstrecken ein klarer Wettbewerbs-Nachteil wäre.

«Es ist ein Wahnsinn, wir waren geschockt», gestand Bundestrainer Markus Eicher, nachdem am Abend vor dem allseits erwarteten Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS die Meldung vom Aufschub um etwa zwei Wochen hereinplatzte und der bisher unverhohlenen Zuversicht einen Dämpfer versetzte. Heinze, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) hatte nach der knappen CAS- Information am Mittwoch spontan von einer «Katastrophe» gesprochen, als wäre die Sperre für Pechstein schon bestätigt worden.

Am Tag danach reagierte er moderater. «Es gib eine gewisse Ratlosigkeit. Wir sind nicht glücklich, dass wir nun das Urteil erst in zwei Woche erhalten. Aber wir müssen das akzeptieren. Offensichtlich brauchen die Richter mehr Zeit für ihre Begründung, auf die Sportjuristen und -mediziner in der gesamten Sportwelt warten», erklärte Heinze vor dem Weltcup in Berlin, «natürlich sind wir tief enttäuscht, aber die Tür ist noch nicht zugeschlagen.» Heinze vermutet, dass die neuen Ausführungsbestimmungen zum WADA-Code «im Hintergrund schwelen» könnten.

Differenziert betrachtet Team-Chef Helge Jasch die CAS- Ankündigung. «Man kann es positiv und auch negativ sehen. Ich persönlich kann in dem Aufschub keine Tendenz rauslesen», meinte Jasch. «Ich kann aber nachvollziehen, dass die CAS-Richter nicht ein Urteil rausgeben und dann Wochen später die Begründung nachliefern. Das hätte Spekulationen ins Kraut schießen lassen», fügte er hinzu.

Spekulationen gibt es jedoch auch so genug. «Ich werte das weiter als gutes Zeichen. Wenn sich die Richter sicher gewesen wären, hätten sie ihr Urteil längst gefällt. Für Claudia ist das natürlich ein Hammer», meinte Eicher. Enttäuscht ist Joachim Franke, der Ex-Coach von Pechstein. «Solche Leute müssten doch in der Lage sein, nach dieser langen Zeit ein Urteil zu fällen und zu begründen. Ich bin ich nicht sicher, wie ich das bewerten soll», sagte der Berliner Pensionär. «Ihre Ambitionen für den Einstieg haben sich damit natürlich erledigt», weiß der erfahrene Trainer. «Dieses Hin und Her empfinde ich einfach als unwürdig», bedauerte ihr Anwalt Simon Bergmann. Manager Ralf Grengel meinte nur, es sei müßig, «jetzt Kaffeesatz-Leserei zu betreiben.»

Jörg Dallmann, der Pechstein seit ihrer Sperre kritisch gegenüber getreten war und von ihr für sein «merkwürdiges Verhalten» gerügt worden war, geht weiter auf Distanz zu Pechstein. «Es gibt da keine zwischenmenschliche Basis zwischen uns», sagte der Erfurter Mittelstreckler. «Warum soll ich mich verbiegen? Sie hätte ja auf mich zukommen können und sagen, was für ein Problem sie mit mir hat.»

 

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