Eurosport - Do 05.Jun. 13:45:00 2008
Die Hauruck-Aktion mit der fast kompletten Auflösung des Deutschland-Achters soll neue vorolympische Kräfte freimachen. Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes, ging nach dem abrupten Kurswechsel um das DRV-Flaggschiff und der Entmachtung von Dieter Grahn zur Tagesordnung über.
"Bei den neuen Jungs herrscht große Euphorie, das Thema ist abgehakt, im Leistungssport gilt es, nach vorn zu schauen", sagte DRV-Sportdirektor. In eigener Sache redete Müller Klartext: "Ich weise es ganz entschieden zurück, dass derjenige, der am längsten die Hand drübergehalten hat, plötzlich schuld sein soll."
Damit reagierte der 56-Jährige auf die Rücktrittsforderung des ehemaligen Aktivensprechers Sebastian Schulte (Wiesbaden). Müller macht die sechs Ausgebooteten für die Misere eigenverantwortlich: "Sie selbst haben diese Ergebnisse organisiert." Die laut Sportdirektor "dramatischen Einbrüche" der Olympia-Saison, zuletzt beim Weltcup in Luzern mit zehn Sekunden Abstand auf die Top-Boote der internationalen Konkurrenz, würden die Zwangsmaßnahme rechtfertigen. Müller: "Wir haben uns nur vom Leistungsprinzip leiten lassen." Er habe sogar bis fast zum Schluss ein "Wunschkonzert des Trainers" zugelassen und wehrt Angriffe ab: "Ich habe mir überhaupt gar nichts vorzuwerfen."
"Konzeptionslosigkeit"
Das taten Andere. Schulte sprach von "Konzeptionslosigkeit", weswegen Müller demissionieren solle. Das sei im Affekt gefordert worden, sagte der Sportdirektor. Und: "Wir sind mit dem Achter sehr vernünftig und fair vorgegangen." Doch es ist nicht misszuverstehen: Der DRV bekam kalte Füße, obwohl in den beiden vergangenen Jahren mehr Langmut herrschte. Auch 2006 und 2007 kam das Paradeboot erst spät auf Kurs - und belohnte die Geduld der Funktionäre mit dem Weltmeistertitel (2006) sowie WM-Silber (2007).
Klein beigeben will die seit 2001 fast unveränderte alte Achter-Crew noch immer nicht. "Zur Not zahlen wir das selbst", kündigte Schulte eine Trotzreaktion für den Weltcup vom 20. bis 22. Juni in Posen (Polen) an. Dort wollen sie nach ihren Vorstellungen die ultimative Olympia-Ausscheidung Boot gegen Boot erwirken, was der Verband für nicht realistisch erachtet. "Hier tut ein unbelasteter Neuanfang gut", wehrte Sportdirektor Müller das Ansinnen ab, in Polen ein finales Duell auszufahren.
"Brauchen diesen neuen Achter"
Grahns Nachfolger als Achter-Verantwortlicher, der 39-jährige Christian Viedt, und dessen neues Team sollen zwei Monate vor Peking keine anderen Scharmützel mehr aus- und ertragen müssen. In vielen Gesprächen, so Müller, seien die Verantwortlichen nach dem Saisonverlauf zu einer klaren Erkenntnis gelangt: "Wir brauchen diesen neuen Achter" - eine Maßnahme, die beim erfolgreichsten Schlagmann der Welt auf wenig Gegenliebe stieß. "So kurz vor Olympia werden weitere Kompromisslösungen nicht den gewünschten Erfolg in Peking bringen", sagte Roland Baar den "Ruhr Nachrichten".
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