Bundesliga - Von der "Fohlenelf" zum Ponyhof

Di 05.Apr. 11:49:00 2011

In den 70er Jahren waren die Gladbacher das Maß der Dinge, und ein Mythos rankte sich um die legendäre "Fohlenelf" von Trainer-Guru Hennes Weisweiler. Davon ist heute nichts mehr geblieben. Die Borussen stehen vor dem dritten Abstieg ihrer Vereinsgeschichte und ihnen droht der Ausverkauf.

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Manche Dinge verblassen auch nach 30 Jahren nicht in der Erinnerung, und bei den treusten Fohlen-Anhängern gehören diese Anekdoten immer noch zu ihren liebsten. Von damals, als die Gladbacher die Stars von Inter Mailand mit 7:1 vom Feld fegten, aber ihnen dann der legendäre "Büchsenwurf vom Bökelberg" noch in die Quere kam. Der Mailänder Roberto Boninsegna wurde von einer Limonadendose getroffen, die Partie daraufhin annulliert. Das Wiederholungsspiel in Berlin endete mit 0:0, nachdem Inter sein Heimspiel mit 4:2 gewonnen hatte. Gladbach war draußen.

Mit Netzer, Vogts, Heynckes und Co.

Acht Jahre später gelang dann dem zweifachen Torschützen von damals die furiose Revanche. Dieses Mal zwar als Trainer, aber die Genugtuung war für Jupp Heynckes genauso groß, als die "Fohlen" Inter in der zweiten Runde des Uefa-Pokals rauswarfen. Heynckes wiederholte den Coup 1988 gar noch, dieses Mal mit den Bayern. Auch bei ihm sind die Erinnerungen an die legendären Zeiten immer noch präsent. Dass Inter bereits nach dem Hinspiel ausgelassen das Weiterkommen gefeiert hatte, weiß Heynckes noch ganz genau. Seinerzeit hatte er seiner Mannschaft gesagt, "wir müssen an uns glauben". Und es hatte geholfen.

Heute würde die Gladbacher wohl viel darum geben, wenn der Glaube allein reichen würde. Und wenn die Schalker am Abend gegen Mailand auflaufen, dann wird mancher "Fohlen"-Fan sehr wehmütig vor dem Fernseher sitzen. Denn das, was ihren Traditionsklub einmal ausgemacht hatte, scheint so lange her zu sein wie TV-Übertragungen in schwarz-weiß. In den 70er Jahren waren die Borussen das Maß aller Dinge. Fünf Mal holten sie in diesem Jahrzehnt die Meisterschale (1970, 1971, 1975, 1976, 1977), zwei Mal wurden sie Vize-Meister (1974, 1978) und Pokalsieger (1973). Zudem gewann der Verein 1975 und 1979 den Uefa-Pokal. Auch ins Europapokalfinale der Landesmeister schaffte er es 1977. Es war die Zeit der legendären "Fohlenelf", die von Trainer Hennes Weisweiler und Spielern wie Günter Netzer, Jupp Heynckes, Berti Vogts, Herbert Wimmer, Rainer Bonhof, Allan Simonsen oder Uli Stielike geprägt wurde.

Mythos kann nicht wiederbelebt werden

Um diese Elf rankt sich seither ein Mythos, der sich nicht nur über die zahlreichen Schützenfeste, sondern vor allem aus der Art, wie sie damals Fußball spielte, gründet: mit einer Begeisterung und Lebensfreude, die eine ganze Stadt ansteckte und ihren Bewohnern ein vorher nie gekanntes Selbstvertrauen gab. Wer sich heute in Mönchengladbach umschaut, der blickt in traurige Gesichter voller Verzweiflung. Die Stimmung der Fans hat einen neuen Tiefpunkt erreicht, selbst die treuesten unter ihnen pfeifen inzwischen ihre Mannschaft aus.

Seit Gladbach 1995 den DFB-Pokal und damit seinen bisher letzten Titel holte, befindet sich der Verein auf sportlicher Talfahrt. 16 Trainer, fünf Manager und etliche kostspielige Neuverpflichtungen - zum Beispiel 2006 mit 4,5 Millionen-Mann Federico Insúa - sollten den Mythos von einst seither wiederbeleben, doch gelang das keinem. 1999 stiegen die "Fohlen" gar erstmals ab, 2007 dann noch einmal. Wirtschaftlich steht der Klub eigentlich gut da, auch schart sich weiterhin eine riesige Fangemeinde um den Borussia-Park, doch es schaffte niemand, dieses Potenzial für sportlichen Erfolg zu nutzen. Gladbach steht abgeschlagen am Tabellenende, die Durchhalteparolen schallen nur noch pro forma.

Reus und Dante weg? Aber Eberl soll bleiben

Dabei spielen die Borussen keine schlechte Rückrunde mit 13 Punkten aus zehn Spielen, aber in ihrer Lage würde nur noch eine Siegesserie helfen. Aber dass sie auswärts gegen Mainz, Hannover und Hamburg sowie daheim gegen Köln, Dortmund und Freiburg insgesamt vier Dreier holen, scheint doch wenig wahrscheinlich. So dürfte der dritte Abstieg der Vereinsgeschichte kaum noch abzuwenden sein, den Gladbachern droht dann der Ausverkauf. Spieler wie Dante und Marco Reus sind begehrt bei Klubs wie Bayern und Dortmund, und Stützen wie Martin Stranzl und Karim Matmour sind wohl nicht zu halten, wenn der Etat von 30 Millionen Euro um die Hälfte gekürzt wird.

Trainer Lucien Favre würde mit in die zweite Liga gehen, der hoch geschätzte Schweizer soll den Neuaufbau bestreiten. Gemeinsam mit dem Sportdirektor. "Auch wenn wir absteigen, bleibt Max Eberl unser Mann", erklärte Vizepräsident Rainer Bonhof. Vielen Fans schmeckt das nicht und wieder einmal rumort es gewaltig hinter den Kulissen. Es ist das Dauerthema in Gladbach seit dem Verschwinden des Mythos: zu viel Kompetenzgerangel, zu viele Einmischer, zu aufgeweichte Strukturen. Wobei manch treuer "Fohlen"-Fan an einen anderen Grund für den Niedergang glaubt und stets wehmütig daran erinnert wird, wenn er dort vorbeifährt, wo einst der legendäre Bökelberg stand und heute nur noch eine kleine Anhöhe zu sehen ist.

TV-Tipp:

"Champions Club" – Im Europapokal-Magazin von Eurosport gibt es montags jeweils vor und nach jedem Spieltag der Champions League und der Europa League die spektakulärsten Tore zu sehen. Zudem stehen eine Nachlese und ein Ausblick auf die Partien auf dem Programm.

Petra Philippsen / Eurosport

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