Kvitfjell - Sturz-Drama mit Nachspiel

Eurosport - Mi 05.Mrz. 19:19:00 2008

Das Drama um Matthias Lanzinger hat ein Nachspiel. Die Meinungen, ob sein Bein bei einem schnelleren Abtransport hätte gerettet werden können, gehen auseinander.

ALPINE SKIING 2007-2008 Kvitfjell Matthias Lanzinger Akja transportation - 0

Mit einem umgebauten Touristenhubschrauber wurde Lanzinger ins Krankenhaus geflogen - ein Rettungshelikopter stand nicht zur Verfügung. "In einem spezifisch eingerichteten Rettungshubschrauber kann man natürlich viel besser arbeiten. Aber der Umkehrschluss, dass ein Rettungshubschrauber Lanzingers Bein gerettet hätte, ist nicht zulässig", sagt ÖSV-Arzt Florian Frisee, der als erster Mediziner an der Unfallstelle war, gegenüber dem "Standard".

Der Verletzte wurde zunächst ins nächstgelegene Hospital nach Lillehammer gebracht, erst dann in die Ulleval-Universitätsklinik nach Oslo, wo man für Lanzingers Gefäßverletzungen ausgestattet war, überstellt. Bis er dort eingelangt war, vergingen sechs Stunden - eine Tatsache, die den Unfallchirurg Artur Trost auf die Palme brachte. "Der Abtransport war eine Riesen-Schweinerei. Bei einer Gefäßverletzung geht es um Minuten", sagte Trost gegenüber "Laola1". Der Mediziner hatte Hermann Maier nach dessen schweren Motorradunfall 2001 den Unterschenkel gerettet. "Da sind einfach so viele Dinge schief gelaufen. Die Umfunktionierung eines Privat-Hubschrauers, der überflüssige Flug nach Lillehammer. Das muss man schon aufzeigen, dass so ein Abtransport im 21. Jahrhundert nicht das Optimum ist."

Der Salzburger Gefäßspezialist Thomas Hölzenbein, einer der behandelden Ärzte in Oslo, hingegen erklärte, das Bein hätte auch bei einem zügigeren Abtransport nicht gerettet werden können. "Es haben Teile des Knochens gefehlt, das Bein hätte dennoch amputiert werden müssen."

Auch die Maßnahme, Lanzinger zunächst nach Lillehammer zu fliegen, verteidigte Hölzenbein. Es habe der Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma bestanden, weshalb man Lanzinger ins nächstgelegene Spital bringen habe müssen.

Kritik an der FIS

"Es ist völlig unverständlich, wenn bei so einem Rennen kein Notarzthubschrauber vor Ort ist. Mit dem vorhandenen Helikopter konnte man keine Seilbergung machen - das ist bei Speed-Rennen äußerst bedenklich", klagte ÖSV-Alpindirektor Hans Pum im Interview mit den "Salzburger Nachrichten" an.

Als einen "Skandal" bezeichnete Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier in der "Abendzeitung" die Tatsache, dass kein geeigneter Bergungshubschrauber zur Verfügung gestanden hatte und dies vom Internationalen Ski-Verband (FIS) auch nicht vorgeschrieben sei. "Da wird zu viel geschlampt. Die denken - es geht schon, aber es geht eben nicht. Die Versorgung auf dem Hang ist nach wie vor katastrophal."

Indes wies Svein Mundal, Organisationschef des Weltcups in Kvitfjell, die Kritik am angeblich fehlenden Rettungshelikopter zurück: "Wir hatten hier bei Weltcups schon immer einen Rettungshubschrauber einsatzbereit, und so war es auch am letzten Wochenende."

Mit Schuldzuweisungen gegenüber Veranstaltern und FIS wollte man beim Österreichischen Ski-Verband zwar zunächst vorsichtig sein, in einer offiziellen Mitteilung hieß es aber: "Aufgabe des ÖSV wird es auch sein, alle Umstände, die zum Unfall und letztendlich zur Amputation des Unterschenkels geführt haben, minuziös zu erheben, um Matthias Lanzinger die größtmögliche Unterstützung zu sichern."

Sein Bein bringt das dem Salzburger freilich nicht zurück. ÖSV-Cheftrainer Toni Giger hatte am Abend die unangenehme Aufgabe, seinen Athleten, nachdem dieser aus dem Koma geholt worden war, über den Verlust seines Unterschenkels zu informieren. ÖSV-PR-Betreuer Robert Brunner und Lanzingers Freundin Eva haben abwechselnd Nachtwache am Krankenbett gehalten. Der 27-Jährige, der wegen der Spitzenposition seines Zimmerkollegen Georg Streitberger euphorisch ins Rennen gegangen war, habe sich daran erinnert, dass er in das Tor gefahren war und erkundigte sich wer Zweiter und Dritter im Super-G geworden war.

Zustand stabil

Die Operation, bei der die Amputation vorgenommen wurde, sei laut Hölzenbein, gut verlaufen. Der Zustand des Abtenauers sei stabil. So es keine weiteren Komplikationen gibt, wird Lanzinger in den nächsten Tagen nach Salzburg überstellt, wo in wenigen Wochen mit der Rehabilitation begonnen werden könnte.

Birgit Riezinger / Eurosport