Bundesliga - Blutarme Bayern: Krise im Kreativbereich

Mo 06.Feb. 00:03:00 2012

Ein tollkühner HSV erzwang gegen ineffektive Bayern ein Remis. Die Tabellenführung des Rekordmeisters ist futsch, weil das Kreativquartett darbt. Der Hamburger SV hingegen laviert sich mit einer starken mannschaftlichen sowie kämpferischen Leistung aus der Gefahrenzone.

Football 2012 Bundesliga Bayern Schweinsteiger - 0

Aus Hamburg berichtet Martin Sonnleitner

Es war ein Spiel mit ungleichen Waffen, zumindest auf dem Papier. Auf der einen Seite Jacopo Sala, 20-jähriger Jungitaliener, in der Hinserie noch für die HSV-Amateure am Ball, er erzielte die Führung für sein Team (23.Minute). Dann Kollege Marcell Jansen, einst Nationalspieler in Diensten des großen FC Bayern, mittlerweile Allzweckwaffe bei den Hamburgern. In guten Tagen schießt er wichtige Tore, diesmal stopfte er hinten Löcher, um die Weltklasse-Außen Robben/Ribéry zu neutralisieren, was klappte. Ganz zu schweigen vom ungleichen Mittelfeld-Tandem zentral: Kettenhund/Ballschlepper gegen Schweinsteiger/Kroos. Tomas Rincon und David Jarolim stachen das Zweigestirn, mit dem Deutschland im Sommer Europameister werden will, aus.

Vergleiche, die das 1:1 zwischen dem HSV und den Münchnern treffend dokumentieren. Der HSV wuchs über immense Willenskraft und Kampfgeist über sich hinaus, die Gäste pendelten zwischen Wollen und Wirkungslosigkeit – und verspielten die Tabellenführung. "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Die Ansprüche sind aber größer und daher können wir nicht zufrieden sein", haderte Bayern-Coach Jupp Heynckes mit dem Remis. Vor zwei Wochen hatte der neue Spitzenreiter Borussia Dortmund den HSV an gleicher Stelle mit 5:1, tausendfüßig per brillanter Taktik, deklassiert, der FCB wirkte dagegen wie ein herrenloses Rudel mäßig hungriger Wölfe.

HSV ackert, Bayern hadert

Bayern blieb auch nach der HSV-Führung unterkühlt, genug Zeit würde noch sein, um mit einem Sieg wieder an Dortmund vorbeizuziehen. Erst ab der 55. Minute intensivierten die Münchner ihre Offensivbemühungen, Hamburg lauerte tief gestaffelt auf Konter. Immerhin hatte Borussia Mönchengladbach so den FCB zum Rückrundenstart mit 3:1 zerlegt. Doch Rincon/Jarolim sind quasi das Gegenmodell zum Fohlenfeuerwerk, der HSV parierte das zunehmend schneller drehende Bayern-Karussell mit Kampfkraft.

Wo 35 von 36 Anspiele von Jarolim, der im Winter schon ablösefrei abgegeben werden sollte, beim Mitspieler landeten und er mit Standing Ovations bei seiner Auswechslung kurz vor dem Abpfiff von den HSV-Fans gefeiert wurde, werden bei Bayern schon wieder Luxusdiskussionen geführt, ob Toni Kroos, in der 61. Minute ausgewechselt, eher Sechser oder Zehner ist. "Ich weiß, dass er weiter vorne seine Qualitäten hat", gab Heynckes nicht nur seinem Mustereleven Rätsel auf. Auch Schweinsteiger wirkte wie ein Zwischenwesen einer mäßig inspirierten bajuwarischen Winterfabel. Ohne ihre taktgebenden Zuspieler gaben Robben und Ribéry die zunehmend genervten Topsolisten.

Bayern ohne Zugkraft

Das Vabanquespiel der Fink-Elf, den 1:0-Sieg zu ermauern, ging aber nicht auf gegen das Gäste-Starensemble, bei dem deutlich wurde, wie blutarm selbst ein Torjäger Mario Gomez bei einer Schaffenskrise des Kreativquartetts ist. Erst parierte HSV-Keeper Jaroslav Drobny noch bravourös gegen Thomas Müller (70.), dessen Torflaute seit zwölf Spielen wohl nicht ihm alleine zuzuschreiben ist, eine Minute später staubte ausgerechnet der einstige Hamburger Publikumsliebling Ivica Olic nach einer Ecke zum Ausgleich ab.

Der HSV erzwang tollkühn ein Remis gegen Bayern und laviert sich aus der Gefahrenzone. Beim FCB ist die Pole-Position futsch. - 2 Dass der HSV einen Punkt gewonnen und frisches Selbstvertrauen getankt hat, um endgültig die Gefahrenzone zu verlassen, referierte Abwehrspieler Dennis Aogo treffend: "Wir hatten Leidenschaft und wurden belohnt. Wir sind nach wie vor in einem Prozess, werden immer konstanter und sind auf einem guten Weg." Robben legte seine eigene Sicht der Dinge dar: "Wir sind nicht auf dem Niveau, auf dem wir sein müssen, das ist unser Vorteil", sagte er kryptisch zum Thema Titelkampf. "Ein souveräner Sieg reicht, dann kann es wieder laufen", bemühte er das Prinzip Hoffnung. Zu wenig für einen selbsternannten Triple-Aspiranten.

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