Eurosport - Di 05.Feb. 16:00:00 2008
Steffen Heidrich, Manager von Energie Cottbus, spricht im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de über folgenreiche Fehlentscheidungen, Cottbus' mögliches Imageprobleme in der Liga und warum man in der Lausitz nicht das große Jammern anfangen will.
Herr Heidrich, am Samstag gab es nach der 2:3-Niederlage gegen Bayer Leverkusen große Aufregung aufgrund der zahlreichen strittigen Entscheidungen zu Ungunsten von Cottbus. Wie ist die Gemütslage zwei Tage später?
Heidrich: Miserabel. Man sagt ja immer, dass sich Fehlentscheidungen im Laufe einer Saison ausgleichen. Und meistens stimmt das ja auch. Aber in dieser Spielzeit gab es schon so viele falsche Entscheidungen zu unseren Ungunsten - das kann sich gar nicht mehr ausgleichen. Ich war selber lange Profi und weiß, dass es im Fußball immer ein Auf und Ab gibt. Aber es gibt auch die Ausnahme, wie in unserem Fall. Durch diese krassen Fehlentscheidungen fehlen uns mindestens vier bis fünf Punkte. Top-Teams können das vielleicht kompensieren, wir aber nicht. Wir haben mit den kleinsten Etat der Liga und kämpfen immer ums sportliche Überleben.
Tatsächlich scheint es so, als würde Cottbus in strittigen Situationen eher benachteiligt. Glauben Sie an die "große Verschwörung"?
Heidrich: Nein, denn ich gehe davon aus, dass kein Mensch absichtlich Fehlentscheidungen trifft. Aber möglicherweise spielen andere Dinge im Unterbewusstsein eine Rolle, die nichts direkt mit Fußball zu tun haben. Zum Beispiel, dass die Anreise nach Cottbus lang ist - wir sind der geographisch östlichste Profi-Verein. Da machen wir uns nichts vor, das wissen wir. Aber wir kämpfen hier für eine ganze Region um den Verbleib in der 1. Bundesliga. Wir wollen nur eins: Korrekt behandelt werden, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Sie haben nach dem Spiel gesagt: "Uns kriegen sie nicht so leicht raus aus der Bundesliga". Meinen Sie damit die Schiedsrichter?
Heidrich: Nein, diese Aussage ist ganz allgemein zu verstehen. Das Potenzial der Mannschaft ist einfach zu groß, dass der Abstieg unvermeidbar wäre. Das Team ist eine verschworene Einheit und gewillt, sich noch weiter zu steigern. Zuletzt haben wir sehr gute Spiele gezeigt. Gegen Leverkusen haben wir es mit einem sehr starken Gegner zu tun gehabt. Aber die Mannschaft hat ausgezeichnet, dass sie immer wieder zurückkam, vier Tore erzielt hat und am Schluss sogar den Sieg verdient gehabt hätte. Und dann bekommst du die zwei Dinger abgepfiffen - das ist natürlich doppelt hart.
Glauben Sie, dass Unparteiische im Zweifelsfall - wenn auch unbewusst - eher gegen den "Underdog" pfeifen?
Heidrich: Nein, generell stimmt das sicherlich so nicht. Das vergangene Wochenende widerlegt diese Aussage auch ein wenig, denn Bochum bekam als Außenseiter gegen Bremen das Abseitstor zum 1:1 zugesprochen. Mir war es nur ein Anliegen anzusprechen, dass es uns in dieser Saison besonders hart trifft. Die Summe der falschen Entscheidungen gibt in unserem Fall den Ausschlag. Und das können wir kaum verkraften.
Ein weiteres Zitat von Ihnen ist: "Die Spieler glauben nicht mehr an Gerechtigkeit. Was wäre denn im Profi-Fußball gerecht?"
Heidrich: Wir wissen, dass es im Fußball keine "Gerechtigkeit" gibt. Aber eine "ausgleichende Ungerechtigkeit" wäre schon ganz schön...
Jetzt geht es auswärts gegen Bochum. Kriegt die Mannschaft bis dahin psychisch gesehen wieder die Kurve?
Heidrich: Das wird ganz schwer. Sich nach diesen Nackenschlägen immer wieder aufzuraffen, ist keine leichte Aufgabe. Aber so, wie ich die Mannschaft kenne, wird die Reaktion wieder kämpferisch sein. Wir haben auch nach dem Spiel gegen Leverkusen noch in der Kabine gesagt: "Uns kriegt niemand so leicht aus der 1. Bundesliga raus". Ich weiß, dass das Team bis zum Schluss für die Region, die Menschen hier und den Klassenverbleib kämpfen wird. Die Moral ist weiter intakt und wir werden nach wie vor nicht das große Jammern anfangen. Auch nicht über die Schiedsrichter.
Das Gespräch führte Stefan Zürn / Eurosport