Steinmann: "Besser, ich wäre gegangen"

Fr 03.Dez. 15:28:00 2010

In der DDR zählte Rico Steinmann kurz vor der Wende zu den talentiertesten Spielern des Arbeiter- und Bauernstaates. Der spätere Durchbruch in der Bundesliga blieb ihm aber verwehrt. eurosport.yahoo.de sprach mit dem Chemnitzer, der das Etikett des "ewigen Talents" nie ganz ablegen konnte.

- 0

Das Interview führte Dirk Adam

20 Jahre nach der Wiedervereinigung fand in Leipzig das Spiel der DDR-Altstars gegen die 1990er Weltmeister statt. Waren Sie eingeladen?

Rico Steinmann: Ich habe eine Einladung erhalten, aber ich konnte auf Grund meiner Achillessehnen-Probleme, die ich nach wie vor habe, nicht mitspielen. Ich hätte zwar gerne im Stadion zugeschaut, mir war es aber aus zeitlichen Gründen nicht möglich nach Leipzig zu fahren.

Tat es ein Ihnen weh, dass Sie nicht dabei waren? Immerhin haben Sie 23 Länderspiele für die DDR absolviert.

Steinmann: Ja, schon. Es wäre natürlich schön gewesen, die alten Kumpels wieder zu treffen. Das letzte Mal haben wir uns vor 20 Jahren gesehen. Im Fernsehen habe ich mir die zweite Halbzeit angeschaut und da tat es schon ein bisschen weh. Aber wie gesagt, leider ging’s nicht. Obwohl es nach wie vor juckt, wieder Fußball zu spielen.

Wie sehr sind Sie noch mit dem Fußball verbunden, nachdem Sie Ende der 80er Jahre zu den größten Talenten in der DDR zählten?

Steinmann: Fußballspielen kann ich nicht mehr, aber nach meiner aktiven Zeit bin ich wieder nach Chemnitz zurückgekehrt und habe die Spiele meiner alten Truppe verfolgt. Ich schaue mir die Heimspiele an und freue mich natürlich, dass der Chemnitzer FC im Moment an der Tabellenspitze in der Regionalliga Nord steht und einen guten Fußball spielt.

In Ihrer Heimatstadt wollen Sie eine Fußball-Schule eröffnen. Was genau ist geplant?

Steinmann: Das ist richtig, das Konzept steht. Aber im Moment hängt es noch an einem geeigneten Objekt. Die Fußball-Schule ist mein kleiner Traum. Als ehemaliger Fußballer will ich auch etwas für die jungen Spieler tun.

Viele Spieler gingen sofort nach der Wende in den Westen. Warum haben Sie sich 1990 entschieden, bei ihrem Heimatverein in Karl-Marx-Stadt zu bleiben?

Steinmann: Das lag vor allem daran, dass wir in der DDR-Oberliga sehr erfolgreich waren. In der letzten Saison, als es darum ging, sich für die Bundesliga zu qualifizieren, hatten wir eine sehr gute Truppe zusammen. Ich war der festen Überzeugung, dass wir mit dieser Mannschaft in die Bundesliga einziehen. Ich bin damals sogar noch einen Schritt weiter gegangen und habe gedacht, dass wir in der Bundesliga auch eine gute Rolle spielen können.

Warum hat es nicht funktioniert? War sich die Mannschaft zu sicher?

Steinmann: Einer der Gründe war sicherlich das neue Gehaltsgefüge, nachdem ich mich entschieden hatte in Chemnitz zu bleiben. Das haben sowohl ich als auch der Verein unterschätzt. Natürlich waren wir in der Saison 1990/91 ein Team, das schon ewig zusammengespielt hat – teilweise sind wir sogar zusammen zur Schule gegangen - aber damals blieb es natürlich nicht aus, dass jeder wusste, dass ich nicht nur ein bisschen mehr verdiene als die anderen, sondern eine ganze Menge mehr. Da ist Neid aufgekommen, das war schade. Spielerisch konnten wir jedenfalls nicht an das anknüpfen, was wir 1990 mit dem Gewinn der Vize-Meisterschaft geschafft hatten.

Trainer war damals Hans Meyer. Auch er konnte er die Atmosphäre nicht entgiften?

Steinmann: Er war ein erfahrener Trainer, der natürlich alles versucht hat. Aber wenn die Atmosphäre einmal vergiftet ist und die Ergebnisse ausbleiben, dann kann auch ein Hans Meyer nichts machen.

Damals druckte eine Lokalzeitung Ihr Gehalt ab. Stimmte die Zahl überhaupt?

Steinmann: Das weiß ich nicht mehr ganz genau (lacht…) Aber sicherlich war es irgendwo eine Summe, in der sich die anderen Spieler bestätigt fühlten, dass sie viel zu wenig verdienen und der Steinmann viel zu viel. Wie gesagt, wenn die Ergebnisse gestimmt hätten, wäre das sicherlich nicht so schlimm gewesen. Aber die Resultate waren nicht da und meine Leistungen waren nicht überragend. Dann kam alles andere zusammen.

Waren Worte wie Missgunst oder Neid in der DDR weniger geläufig?

Steinmann: In der DDR lag das Gehaltsgefüge immer eng beieinander. Sicherlich hatte der eine etwas mehr als der andere, aber nach der Wende war die Situation in Chemnitz schon ein Extremfall. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, wenn ich 1990 schon gegangen wäre.

Haben Sie sich vor der Wende bereits als Fußball-Profi gefühlt?

Steinmann: Man kann die Verdienste vor der Wende sicherlich nicht mit den West-Gehältern vergleichen. Aber wir sind auch nicht normal arbeiten gegangen, wir haben ebenfalls nur trainiert. In diesem Sinne waren wir auch Profis.

Neben Bremen und Dortmund hat vor allem Köln um Sie gebuhlt. Welchen Anteil hatte Udo Lattek an Ihrem Wechsel in die Domstadt?

Steinmann: Ich denke, dass Lattek einen sehr großen Anteil hatte. Er ist damals nach Chemnitz gekommen und wir haben uns lange darüber unterhalten, was er mit dem 1. FC Köln vorhat. Pierre Littbarski war damals verletzt und ich sollte seine Position einnehmen. Von daher war Lattek schon entscheidend. Er hat mich letztendlich überzeugt nach Köln zu gehen.

Für Andreas Thom gab’s damals von Leverkusens Manager Reiner Calmund eine Holz-Eisenbahn. Hat sich Lattek auch etwas einfallen lassen?

Steinmann: (lacht…) Nein, denn die heiße Phase der Gespräche begann ein Jahr später, nachdem die Goldgräber-Stimmung schon etwas abgeklungen war. Aber 1990 hatte ich ein Treffen mit einem Spielervermittler, der seinen Kofferraum öffnete, in dem sich ein Farbfernseher und ein Videorekorder befanden. Das war schon ein bisschen ungewöhnlich.

Wie war das Verhältnis mit den neuen Kollegen? Ging es ähnlich kollegial wie in der DDR zu oder wurde mit anderen Bandagen gekämpft?

Steinmann: Das kann man sicherlich nicht vergleichen, denn der Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft war um ein Vielfaches größer. Nach meiner Ankunft wurde ich aber gut aufgenommen. Da kann ich mich nicht beschweren.

Insgesamt spielten Sie sechs Jahre für Köln. Haben Sie sich in der neuen Heimat wohl gefühlt oder sind Sie mit dem Auto oft nach Chemnitz gefahren?

Steinmann: In der ersten Zeit bin ich sehr häufig zurückgefahren, selbst um nur einen Tag in Chemnitz zu sein. Meine alte Heimat hat mir am Anfang schon ein bisschen gefehlt. Das hat sich nach zwei Monaten aber relativ schnell gelegt. Der Kontakt nach Hause ist aber nie abgerissen. Ich bin ja auch wieder in Chemnitz und die Freunde, die ich damals hatte, habe ich jetzt immer noch.

Der große Durchbruch blieb Ihnen leider versagt, obwohl man Ihnen eine glänzende Zukunft im DFB-Team vorausgesagt hatte. Warum haben Sie nie für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gespielt?

Steinmann: Ich denke, es lag in erster Linie daran, dass ich mein Leistungsvermögen auf längere Sicht nicht ausgeschöpft habe. Ich hatte einige Phasen, wo ich nah dran war und wo ich auch auf einem sehr hohen Level gespielt habe. Ich war zu einem Lehrgang der Nationalmannschaft eingeladen. Aber mir hat die nötige Stabilität gefehlt. Sicherlich gab es auch noch ein paar andere Gründe – in Köln habe ich nicht auf der Position gespielt, die ich mir unbedingt gewünscht habe – aber in erster Linie lag es an mir.

Ärgern Sie sich heute noch darüber? Oder sind Sie damit zufrieden, wie alles gelaufen ist?

Steinmann: Zufrieden bin ich eigentlich nie gewesen. Aber es war sicherlich so, dass ich mich selber zu viel damit beschäftigt habe, warum ich mein Leistungsvermögen nicht ausschöpfen konnte. Vielleicht habe ich die Gründe auch zu oft bei anderen gesucht.

Haben Sie damals mit Udo Lattek über Ihre Probleme gesprochen?

Steinmann: Am Anfang lief es ja relativ gut. Und Udo Lattek war dann später nicht mehr da. Ich habe danach mit den Trainern gesprochen, aber es war natürlich auch so, dass nicht alle einhundert Prozent so hinter mir standen, wie ich es erhofft hatte. Das war sicherlich auch einer der Gründe, warum ich mein volles Leistungsniveau nie komplett abrufen konnte. Hinzu kommt, dass wir in Köln fast immer gegen den Abstieg gespielt haben und die allgemeine Stimmung im Verein nicht besonders gut war.

Michael Ballack hat als junger Spieler in Karl-Marx-Stadt und später in Chemnitz zu Ihnen aufgeblickt und Sie als "persönliches Vorbild" bezeichnet. Wie empfinden Sie diese Aussage?

Steinmann: Es ehrt mich natürlich, wenn der beste Fußballer in Deutschland so etwas über mich sagt. Das ist eine Anerkennung meiner Leistung, die ich zumindest in Karl-Marx-Stadt bzw. in Chemnitz gebracht habe. Ich denke, ganz so blind kann ich nicht gewesen sein.

Macht es Sie manchmal traurig, dass Sie Ihre Karriere aufgrund einer Verletzung in Holland beenden mussten und Ballack später zum großen Bundesliga-Star avanciert ist?

Steinmann: Nein, denn ich gönne es jedem, wenn er ein guter Fußballer ist und Erfolg hat. Das ist nicht so problematisch für mich. Mir ist die Achillessehne im Alter von 30 Jahren gerissen und ich sage mir immer wieder, wenn einem die Achillessehne mit 20 Jahren reißt, dann hat man ein viel größeres Problem.

Mit dem Aufbau einer Fußball-Schule wollen Sie auch Chemnitz etwas zurückgeben. Wann spielt der CFC wieder in der Zweiten Liga?

Steinmann: Ich habe vor acht Jahren eine Zeit lang im Vorstand von Chemnitz mitgearbeitet. Und wenn man so lange im Fußball-Geschäft tätig war, dann hat man auch die Erfahrung und versucht diese an die Jugendlichen weiterzugeben. Im Moment steht die Mannschaft auf Rang eins. Aber man muss Schritt für Schritt gehen. Alles andere werden wir sehen.

Eurosport

Kommentare 1 - 13 of 13

Kommentare sortieren: Aktualität | Meist bewertet
  1. test

    Von Hier spricht dein Gewissen, am Do 9.Dez. 6:53
  2. nochmal UPSI BLINDGÄNGER

    Von Dom_doktor, am Mi 8.Dez. 17:44
  3. UPSI... BLINDGÄNDER....

    Von Dom_doktor, am Mi 8.Dez. 17:43
  4. Steinmann ist nicht der einzige BLINGGÄNGER aus der­ DDR....
    Es gibt etwa 16 Millionen davon

    Von Dom_doktor, am Mi 8.Dez. 17:43
  5. @bvbwirddeutschermeister was soll der quark? du hast­ das interview gelesen, also wozu so eine­ frage...nebenbei: wenn du dich mal in den annalen der­ borussia umschaust, wirst du in der saison 90/91 im­ uefa cup die erstrundenbegegnung bvb vs @#$%(cfc) und­ auch den namen steinmann finden.

    rico war ohne zweifel­ das eleganteste und technisch beste, was wir je in­ chemnitz hatten (selbst jo.müller hatte nicht diese­ leichtigkeit). am ende der saison 87/88 sollte er nach­ dd "delegiert" werden, hat sich aber mit­ händen und füßen dagegen gewehrt, was ihm zusätzliche­ sympathien beim anhang einbrachte. sein vater rolf­ hatte ja auch bereits für den @#$% gespielt, deshalb­ war er als echter chemnitzer junge eine­ identifikationsfigur. kaum zu glauben, dass ihm die­ ganz große karriere in der buli und der­ nationalmannschaft nicht gelungen ist. bedauerlich­ auch, dass man so einen mann später nicht dauerhaft­ beim cfc einbinden konnte, aber da soll wohl auch die­ entlassung müllers als trainer eine rolle gespielt­ haben, die er ihm mitteilen musste und die das bis­ dahin gute verhältnis der beiden nachhaltig zerstört­ haben soll.

    mit dem abstand von etwas mehr als 20­ jahren erinnert der heutige cfc tatsächlich wieder an­ den @#$% der späten 80er. damals meyer als alter­ trainerguru mit einer jungen, hungrigen truppe­ (wienhold, bittermann, mehlhorn, illing, köhler,­ steinmann), die ihm aus der hand gefressen hat - heute­ schädlich mit guten jungs wie löwe, förster, wilke oder­ schlosser. wenn der fussballgott nicht auf beiden augen­ blind ist, kann diese saison der anfang vom ende einer­ langen odyssee für den club werden. rico wird's­ freuen. alles gute für dich!

    Von Andrew, am Sa 4.Dez. 10:44
  6. Toller Spieler und einer der Helden meiner Jugend!­ Alles Gute für Dich und Deine Pläne in Chemnitz! Marcel

    Von Marcel, am Fr 3.Dez. 22:47
  7. Wer oder was ist den dieser Steimann?

    Von Die Neffen, am Fr 3.Dez. 21:30
  8. Rico Maradona ! Du warst unser Idol damals auf der­ Fischwiese

    Von alexander, am Fr 3.Dez. 2:00
  9. Rico Steinmann, Daumen hoch für dieses­ Interview
    Einfach KLASSE

    Von kuriziwau, am Do 2.Dez. 8:57
  10. Danke...schönes Interview. Rico hat mir begeisternde­ Stadionbesuche im Spofu und auf den Traversen der­ Fischerwiese ermöglicht. Heidrich und Ballack...das war­ eine Kreativachse, die gut funktionierte...

    Von gruenhainichen, am Do 2.Dez. 8:45
  11. wie kann man bei einem solch positive kommentar wie von­ LutzM nur daumen runter geben. ihr habt doch einen an­ der waffel !!

    Von Harris, am Do 2.Dez. 6:54
  12. Ich habe fest damit gerechnet, dass er es schafft.­ Kirsten, Sammer und Steinmann waren meine HELDEN.
    Danke­ Eurosport für ein paar Momente Vergangenheit. Eure­ Beiträge über ehemalige Spieler und Vereine der DDR­ lese ich immer sehr gerne.

    Von Lutz M, am Do 2.Dez. 4:04
  13. Super sympathischer Spieler... Schade, dass es­ letztendlich nicht geklappt hat. Ich hätte ihn gerne­ mal im DFB-Team gesehen, wenn er im Mittelfeld­ gezaubert hätte. Ohne Grund hat ihn Ballack mit­ Sicherheit nicht als sein Vorbild genannt.

    Von Hans-Joachim Strutz, am Mi 1.Dez. 21:42
Kommentare sortieren: Aktualität | Meist bewertet

Kein Yahoo!-Nutzer? Kostenlos .