Pechstein verunsichert: Rätsel über ihre Form

Di 03.Nov. 12:44:47 2009

Berlin (dpa) - Ballast im Kopf, Blei in den Beinen: Mühevoll versucht sich Claudia Pechstein trotz Sperre und immer noch ungeklärter Zukunft für die Olympia-Saison in Schwung zu bringen.

«Mein derzeitiges Trainingsniveau ist mir momentan selbst ein Rätsel. Immerhin habe ich anders als in den über 20 Jahren zuvor nicht ein Testrennen bestreiten dürfen», meinte die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin und fiebert voller Ungeduld dem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS) entgegen, das noch in dieser Woche bekannt werden könnte. Bei einem Freispruch könnte die Berlinerin sogar beim Weltcup in ihrer Heimat starten.

«Das Thema belastet mich in jeder Trainings-Einheit. Egal, ob auf dem Rad, auf Inlinern oder Schlittschuhen: Nie habe ich den Kopf frei, in keiner einzigen Runde. Immer denke ich daran, was mir die ISU angetan hat», schilderte die 37-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa ihre Emotionen. «Es ist ein Wahnsinn, dass ich vom Weltverband auf eine Stufe mit Dopingsündern gestellt werde. Aber ich habe ein reines Gewissen.»

Nach ihrer Suspendierung wegen erhöhter Retikulozyten - den Vorgängern roter Blutkörperchen - und dem anfänglichen Trainingsverbot musste Pechstein ihre Trainings-Umfänge reduzieren. «Die Kilometer habe ich gar nicht mehr notiert, und so gibt es natürlich auch bei mir einige Fragezeichen. Wichtig ist jetzt nur, dass ich überhaupt wieder laufen kann», bekräftigte die 37-Jährige die Hoffnung auf den Freispruch durch den CAS.

Der Berliner Weltcup ist für sie im Moment noch zweitrangiges Thema. «Erst muss das Urteil kommen. Dann hoffe ich, wieder gelöster um die Bahn zu kurven und meinen ganzen Frust aufs Eis zu bringen», sagte die sechsmalige Weltmeisterin. Die Trainer trauen Pechstein mit ihrer Routine trotz der anstrengenden Wochen auf jeden Fall einiges zu. «Ich denke, Claudia könnte unser Olympia-Joker werden. Vielleicht haut sie schon in Berlin ein Ding raus. Mich würde es freuen», meinte Bundestainer Markus Eicher, der wie die gesamte deutsche Teamführung unverhohlen von einer Aufhebung der Sperre ausgeht.

Ihr Verhältnis zu den Team-Gefährten bezeichnete Pechstein als differenziert. «Die meisten kennen mich seit Jahren und vertrauen mir. In den letzten Wochen, in denen immer mehr Details meines Falles bekanntwurden, haben sie sich auch wieder näher an mich herangetraut», schilderte Pechstein und verwies auf die Befindlichkeiten nach der Sperre am 1. Juli. «Inzwischen haben mir fast alle Glück für den Ausgang des Verfahrens gewünscht. Das hat mich riesig gefreut.» Allerdings räumte sie ein, dass sie zunächst selbst ein wenig in sich gekehrt war. «Das war nicht die Claudia, die alle kannten», gab sie mit etwas Abstand zu.

Doch mit allen hat sie noch nicht reinen Tisch gemacht. «Von den Männern benimmt sich Jörg Dallmann immer noch merkwürdig, und mit Anni gibt es die bekannten Probleme. Selbst wenn ich sie morgens grüße, bekomme ich keine Antwort», erzählte Pechstein. «Immer sagt sie, sie habe nur Fragen und keine Antworten. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass sie überhaupt nicht ernsthaft an den Zusammenhängen interessiert ist», meinte sie über ihre nach der Sperre neu aufgeflammten Spannungen mit Anni Friesinger-Postma.

Sollte Pechstein tatsächlich freigesprochen werden, könnten sich durch die Rivalitäten beider Top-Stars Gräben auftun für den olympischen Team-Wettbewerb. In Bestbesetzung gehören die Deutschen zu den Gold-Kandidaten. Für Daniela Anschütz-Thoms gäbe es hingegen kein Problem, wieder mit Pechstein in einem Team zu laufen. Die Erfurterin macht sich «nur Sorgen», ob die Berlinerin im Falle des Freispruchs wieder in Form kommt. «In Top-Form müssten wir aber alle drei sein, um da was zu reißen. Und da gibt es ja bei uns allen noch Fragezeichen», erwiderte Pechstein.

 

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