Pechstein rätselt über Form - neue Kritik an ISU

Di 03.Nov. 16:06:19 2009

Berlin (dpa) - Ballast im Kopf, Blei in den Beinen: Mühevoll versucht sich Claudia Pechstein trotz Sperre und immer noch ungeklärter Zukunft für die Olympia-Saison in Schwung zu bringen.

«Mein derzeitiges Trainingsniveau ist mir momentan selbst ein Rätsel. Immerhin habe ich anders als in den über 20 Jahren zuvor nicht ein Testrennen bestreiten dürfen», meinte die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin und fiebert voller Ungeduld dem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS) entgegen, das noch in dieser Woche bekannt werden könnte. Bei einem Freispruch dürfte die Berlinerin sogar beim Weltcup in ihrer Heimat starten.

«Das Thema belastet mich in jeder Trainings-Einheit. Egal, ob auf dem Rad, auf Inlinern oder Schlittschuhen: Nie habe ich den Kopf frei, in keiner einzigen Runde. Immer denke ich daran, was mir die ISU angetan hat», schilderte die 37-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa ihre Emotionen. «Es ist ein Wahnsinn, dass ich vom Weltverband auf eine Stufe mit Dopingsündern gestellt werde. Aber ich habe ein reines Gewissen.»

Wütend forderte sie daher sogar den Rücktritt von ISU-Chefmediziner Harm Kuipers. «Ich meine, Kuipers ist nicht mehr tragbar. Ein Mann mit einer solchen Berufsauffassung hat seinen Job verfehlt», sagte Pechstein dem Internetdienst der «Sportbild» und beruft sich auf die CAS-Verhandlung in Lausanne, in der Kuipers bestätigt haben soll, dass es einen Athleten gebe, der wie Pechstein weit überhöhte Retikulozytenwerte aufweise, jedoch eine medizinische Ausnahme-Regelung dafür vorgelegt habe. Pechstein wertet dies als klare Ungleichbehandlun

«Merkwürdig, während man dort Gelegenheit gab, ein Attest über eine Blutkrankheit zu bringen, wurde Claudia sofort gesperrt», beklagte ihr Anwalt Simon Bergmann. Pechstein ist darüber erzürnt: «Unverzeihlich. Anstatt mich frühzeitig untersuchen zu lassen, zog man mich bei erstbester Gelegenheit aus dem Verkehr und brandmarkte mich mit dem Doping-Stempel.» Kuipers, der «Medical Adviser» der Internationalen Eislauf-Union ISU, zeigte sich überrascht von der Forderung Pechsteins, wollte aber dazu nicht Stellung nehmen. «Ich kann dazu nichts sagen», erklärte er der Deutschen Presse-Agentur dpa und wollte auch nicht auf Details der Verhandlung in Lausanne eingehen. Kuipers hatte im Februar bei der Mehrkampf-Weltmeisterschaft in Hamar Pechsteins erhöhte Retikulozyten-Blutwerte nachgewiesen. Retikulozyten sind die Vorgänger roter Blutkörperchen.

Zugleich hatte der Chefmediziner seit 2000 die Blutprofile der Berlinerin angelegt. Jedoch hatte er Pechstein nie über die auffälligen Werte informiert, die am Ende für den Indizien-Beweis in Sachen Blut-Doping dienten und zur Zweijahressperre führten. Pechstein hat EPO-Doping immer bestritten. Mit medizinischen Gutachten und der vermeintlichen Aufdeckung von Verfahrensfehlern vor dem CAS will sie ihre Unschuld belegen.

Nach ihrer Suspendierung und dem anfänglichen Trainingsverbot hatte Pechstein ihre Umfänge auf dem Eis reduzieren müssen. «Die Kilometer habe ich gar nicht mehr notiert, und so gibt es natürlich auch bei mir einige Fragezeichen. Wichtig ist jetzt nur, dass ich überhaupt wieder laufen kann», bekräftigte die 37-Jährige die Hoffnung auf den Freispruch durch den CAS.

Der Berliner Weltcup ist für sie im Moment noch zweitrangiges Thema. «Erst muss das Urteil kommen. Dann hoffe ich, wieder gelöster um die Bahn zu kurven und meinen ganzen Frust aufs Eis zu bringen», sagte die sechsmalige Weltmeisterin. Die Trainer trauen Pechstein mit ihrer Routine trotz der anstrengenden Wochen auf jeden Fall einiges zu. «Ich denke, Claudia könnte unser Olympia-Joker werden», meinte Bundestrainer Markus Eicher, der wie die gesamte deutsche Teamführung unverhohlen von einer Aufhebung der Sperre ausgeht.

Ihr Verhältnis zu den Team-Gefährten bezeichnete Pechstein als differenziert. «Die meisten kennen mich seit Jahren und vertrauen mir. In den letzten Wochen, in denen immer mehr Details meines Falles bekanntwurden, haben sie sich auch wieder näher an mich herangetraut», schilderte Pechstein. «Inzwischen haben mir fast alle Glück für den Ausgang des Verfahrens gewünscht. Das hat mich riesig gefreut.» Allerdings räumte sie ein, dass sie zunächst selbst ein wenig in sich gekehrt war. «Das war nicht die Claudia, die alle kannten», gab sie mit etwas Abstand zu.

Doch mit allen hat sie noch nicht reinen Tisch gemacht. «Von den Männern benimmt sich Jörg Dallmann immer noch merkwürdig, und mit Anni gibt es die bekannten Probleme. Selbst wenn ich sie morgens grüße, bekomme ich keine Antwort», erzählte Pechstein. «Immer sagt sie, sie habe nur Fragen und keine Antworten. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass sie überhaupt nicht ernsthaft an den Zusammenhängen interessiert ist», meinte sie über ihre nach der Sperre neu aufgeflammten Spannungen mit Anni Friesinger-Postma. Sollte Pechstein freigesprochen werden, könnten sich durch die Befindlichkeiten beider Top-Stars Gräben für den olympischen Team-Wettbewerb auftun.

 

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