Wilhelm: "Mehr als ich erträumt hatte"

Eurosport - Fr 03.Apr. 11:32:00 2009

Bis zum letzten Meter kämpfte Kati Wilhelm noch um die Biathlon-Krone, jetzt zieht sie im "Interview der Woche" exklusiv bei eurosport.yahoo.de Bilanz: Offen spricht sie über das Duell um den Gesamtweltcup, die Triumphe bei der WM, betrügerische Gegnerinnen und hochverdiente Belohnungen.

BIATHLON 2008-2009 Kati Wilhelm exklusiv - 0

Als nur Helena Jonsson im allerersten Saisonrennen vor ihnen lag, dachten sie da schon: Die Schwedin wird am Ende meine große Konkurrentin um den Gesamtweltcup sein?

Kati Wilhelm: Ehrlich gesagt nicht. Mir war schon klar, dass sie noch stärker als letztes Jahr sein würde, wo sie als gute Schützin aufgefallen war. Aber dass sie auch läuferisch so stark sein würde und dazu unheimlich konstant, das hat mich schon überrascht. Das spricht aber auch für ein sehr gutes Training und großes Talent. Sie ist ja noch jung und da ist noch viel von ihr zu erwarten in den nächsten Jahren.

Der knapp verpasste Weltcup-Gesamtsieg soll die Erfolge nicht verdecken: Wie fällt ihre Bilanz des Winters aus? Es gab Podiums-Plätze gleich zum Auftakt, den Heimsieg in Oberhof, die Triumphe bei der WM

Wilhelm: Es gibt auf jeden Fall keinen Grund, traurig zu sein. Im Gegenteil, es lief besser als geplant. Mein Ziel für die WM waren zwei Medaillen, davon eine im Einzel - und nach Hause gefahren bin ich mit zwei Titeln und zwei weiteren Medaillen. Das war viel mehr, als ich mir erträumt hatte. Die Ergebnisse im Weltcup waren auch sehr gut, von Ausrutschern in Trondheim und am Ende in Khanty-Mansiysk abgesehen. Da kann ich sehr zufrieden sein und mich auch in meinem Training bestätigt sehen.

Der neue Weg in der Vorbereitung mit den persönlichen Trainern Andreas Stitzl und Odd Lirhus hat sich offensichtlich bewährt. Bleibt dieses Erfolgs-Team oder brauchen sie wieder neue Impulse?

Wilhelm: Es gibt keinen Grund, etwas zu verändern. Natürlich werden sich alle dennoch Gedanken machen, was man noch verbessern, wo man noch etwas intensivieren kann. Darüber werden wir uns in den nächsten Wochen unterhalten und das dann in die neue Vorbereitung mitnehmen.

Ihre Trefferquote war sehr hoch, läuferisch waren sie absolut konkurrenzfähig - gerade auch bei der WM: Wie wichtig ist die Erfahrung aus nun über zehn Jahren auf Top-Niveau, um zu Großereignissen die Form perfekt aufzubauen und auch abzurufen?

Wilhelm: Erfahrung hilft sicherlich: Zu wissen, was tut mir in der Vorbereitung gut - oder was lasse ich lieber weg, weil ich damit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Aber gute Ergebnisse im Vorfeld sind auch wichtig. Das gibt Selbstsicherheit und lässt einen ohne Zweifel in die WM gehen, gerade auch mit Blick auf die Schießleistung. Die war dieses Jahr bei mir sehr stabil und das gibt wahnsinnig viel Rückhalt.

Wer waren für Sie die großen Überraschungen der Saison: Wer ist Ihnen besonders aufgefallen, welches neue Gesicht kam im Fernsehen vielleicht gar nicht so rüber, verspricht aber viel für die Zukunft?

Wilhelm: Da ist an erster Stelle Jonsson zu nennen, die für viele sicher noch ein neuer Name war, aber gleich richtig auftrumpfte. Von ihr ist auch in Zukunft viel zu erwarten. Im Auge behalten muss man auch die jungen Französinnen wie Marie Laure Brunet und Marie Dorin, die am Saisonende erstmals aufs Podium kamen. Da wächst was heran. Aber junge Talente schlummern in allen Mannschaften und müssen gepflegt werden. Bei uns im Team hat ja Tina Bachmann zuletzt mit ihrem ersten Sieg im dritten Weltcup-Rennen alle überrascht.

Der Tiefpunkt der Saison war der Doping-Skandal im russischen Team: Wie denken Sie mit etwas Abstand über den Betrug von Jekaterina Jouriewa und Albina Achatowa?

Wilhelm: Da hat sich an meiner Meinung nicht viel geändert. Ich bin noch immer sehr enttäuscht darüber, weil es einfach keine fairen Sportsfrauen sind. Sie haben ihre Siege gefeiert und sich feiern lassen. Wenn ich aber etwas mit unfairen Mitteln erreicht hätte, könnte ich nicht stolz darauf sein. Ich habe das Gefühl, dass sie da kein wirkliches Unrechtsbewusstsein haben.

Mich hat zudem ein bisschen gestört, dass es in der russischen Mannschaft kein sehr großes Erstaunen oder Erschrecken gab, als drei Teamkollegen positiv getestet werden. Da war unser Verhältnis zu den Russen schon in Mitleidenschaft gezogen. Es hat sich aber inzwischen wieder beruhigt und verbessert. Ich hoffe einfach, dass der aktive Antidoping-Kampf weitergeht und so etwas nicht noch einmal passiert.

Wie geht es nach der Hektik, dem Reisestress und der körperlichen Extrembelastung durch die lange Saison nun weiter: Steht Urlaub an oder ruft das Fernstudium, neue Material-Tests, Planungen und Termine?

Wilhelm: Weil ich noch nicht genug gereist bin, setzte ich mich gleich wieder in den Flieger: Es geht in den Urlaub auf die Malediven zum richtig Ausspannen, das brauche ich dieses Jahr einfach mal. Denn die Zeit bis zur neuen Vorbereitung ist diesmal mit vier Wochen sehr kurz. Erste Skitests stehen dann schon im Juni in Norwegen an, davor liegt das Radtrainingslager in Frankreich - das bewährte Programm aus dem letzten Jahr.

Graut es Sie jetzt, wo die Belastungen der Saison noch in den Knochen stecken, ein wenig beim Gedanken an die dann anstehende Quälerei im Training?

Wilhelm: Eigentlich nicht. Es war eine gute Saison, ich habe alles richtig gemacht und muss jetzt keine Lösungen für Probleme suchen. Klar, wenn die erste Urlaubswoche rum ist, wird man schon Angst bekommen, dass es bald vorbei ist mit dem Faulenzen. Und die ersten beiden Trainingswochen wird es ein bisschen wehtun und schwer gehen. Aber solange ein Sportler noch Motivation und Ziele hat, verkraftet er die ersten schweren Tage und dann macht es auch wieder Spaß.

Fällt das Training Richtung Olympia auch mit dem Ausblick leichter, nach einem Erfolg bei diesem Highlight die Waffe vielleicht ganz aus der Hand zu legen?

Wilhelm: Ich plane tatsächlich ein näher liegendes Karriereende, allerdings nicht unbedingt abhängig davon, wie es in Vancouver läuft. Für mich ist eher wichtig, ob ich nach der Saison noch Lust habe. Ich habe meine Ziele, will auch wieder eine Medaille - aber ich habe auch schon ein paar daheim. Insofern könnte ich auch ohne großen Erfolg dort mit ruhigem Gewissen aufhören.

Ist denn die WM in der Wahlheimat Ruhpolding 2012 noch ein Ziel?

Wilhelm: Wenn sie schon 2011 wäre, fiele mir die Entscheidung leichter Es ist doch noch ziemlich weit bis dahin. Ich habe noch Ziele nach dem Sport, will mein Studium beenden und eine Familie haben. Da tickt die biologische Uhr und da muss man irgendwann sagen: Es war schön, aber es ist vorbei. Wann das aber sein wird, da möchte ich mich jetzt noch nicht festlegen.

Die Olympia-Anlage in Vancouver haben Sie schon in Augenschein nehmen können: Wie sind Strecken und Schießstand dort ihrer Meinung nach einzuschätzen? Manche hielten etwa die Sprint-Runde für zu leicht

Wilhelm: Ja, und darauf wird reagiert. Die beiden kürzeren Runden werden schwieriger und auch länger werden. Ansonsten ist es eine schöne Anlage, gut in die Natur integriert. Das Wetter spielt dort aber auch eine große Rolle, das haben wir in den Tagen dort gemerkt.

Nach all dem Stress, dem Druck und der allgemeinen Müdigkeit: Was gönnt man sich jetzt als Belohnung nach getaner Arbeit, sitzt die Kreditkarte lockerer?

Wilhelm: Mit dem Malediven-Urlaub gönne ich mir schon richtig was, ich habe noch nie einen so einen echten Relax-Urlaub mit Faulenzen in der Sonne gemacht. Da freue ich mich sehr drauf und das ist schon Belohnung genug. Ansonsten geht bei einer Frau natürlich auch immer shoppen sehr gut: Wenn ich dafür etwas Zeit finde in den nächsten Wochen, wird noch die ein oder andere Klamotte neu in den Schrank kommen.

Das Interview führte Andreas Schulz / Eurosport

Kommentare 1 - 5 of 5

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  1. Wirklich ein gutes Interview (endlich mal kein­ Fußballer^^).
    Schade, dass es mit dem Gesamtweltcup­ nichts geworden ist, aber die Saison war so toll und­ spannend. Da kann ich kaum bis Dezember warten!
    Super­ ist natürlich auch, dass sich viele junge Atheltinnen­ schon vorne platzieren konnten.

    Und @siberiantiger, da­ gibt es doch schon mal die Vilukhina, die war doch auch­ richtig gut im Sprint.^^

    Von Tinchen, am Mi 1.Apr. 9:31
  2. @ steppi s

    da geb ich dir recht. sie ist zweifelsohne­ die konstateste Athletin der letzten jahre. aber an den­ letzten Resultaten sieht man schon, dass sie zum Ende­ der Saison etwas aus der Bahn geraten ist. Ich hoffe,­ dass sie es in der nächsten Saison noch so gut ist.­ Aber da kommen ja erfreulicherweise gute junge­ Konkurrentinen auf sie zu mit Jonsson, Kuzmina, den­ Semerenkos etc. Mal sehen wie es nächste Saison um­ Neuner und Hauswald steht und ob sich Bachmann, Döll­ und evtl. Gössner durchsetzen können.
    Und ich hoffe,­ dass Russland wieder mal neue talentierte Athleten und­ Athletinen rausbringen können, aber da fangen ja heute­ die nationalen Meisterschaften an. Bin mal gespann,­ wies ausgeht.
    Ich warte jetzt schon auf die nächste­ spannende Saison =)

    Von siberiantiger6, am Mi 1.Apr. 8:11
  3. sehr interessantes interview über eine sehr­ interessante sportlerin. weiter so, kati!

    Von gewisser Herr, am Di 31.Mrz. 23:17
  4. schon mal gut, diese Frau ist ist nicht mal gut, sie­ ist eine Megaathletin, sie ist beim Zielfoto Zweite­ geworden. Begebe dich selbst in die Loipe, schiesse­ danach fehlerfrei............! Die Kati ist eine­ Superatletin, sie hat immer gute Resultate geliefert,­ war immer unter den besten der Biathleten.Sie und­ Helena Johnsson sind die Königinnen des Biatlon, no­ more no less

    Von steppi, am Di 31.Mrz. 21:51
  5. Also die 2 GOLDMEDALIEN sin schon mal­ GUT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Von Felix, am Di 31.Mrz. 19:21
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