Bundesliga - Herr Stranzl, sind Sie ein Titelkandidat?

Fr 03.Feb. 08:19:00 2012

Martin Stranzl ist einer der Garanten des Gladbacher Erfolges. Der österreichische Innenverteidiger hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Borussia mit zwölf Gegentoren die beste Abwehr der Liga stellt. Im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de spricht der 31-Jährige über den Höhenflug.

FOOTBALL Stranzl Interview 2012 - 0

Das Interview führte Michael Wollny

Martin Stranzl, sechs Punkte und 6:1 Tore zum Rückrundenstart gegen die Bayern und den VfB, dem Spitzen-Trio auf den Fersen. Was ist denn in dieser Saison in die Borussia gefahren?

Martin Stranzl: Wir haben einfach da weitergemacht, wo wir letzte Saison aufgehört haben. Wir bereiten uns auf jeden Gegner so vor, dass wir auf Sieg spielen und dann auch gewinnen können. Die Ergebnisse tragen dann dazu bei, dass das Selbstbewusstsein jedes einzelnen Spielers größer wird. Dann funktionieren eben auch mal Dinge, die davor nicht funktioniert haben. Wir spielen einfach gut, haben jetzt einen Lauf und wollen denn auch fortführen.

Eure Zielsetzung mit den 40 Punkten habt Ihr noch nicht erreicht. Es sind 39. Aber die Abstiegssorgen halten sich wahrscheinlich in Grenzen.

Stranzl: Ja, damit werden wir wohl nichts mehr zu tun haben. Es geht jetzt einfach weiter darum, bei jedem Gegner so viele Punkte wie möglich zu sammeln.

Das gleiche Team kämpfte letzte Saison in der Relegation. Hand aufs Herz: Ist die aktuelle Tabellensituation eine Selbstverständlichkeit, oder wundert man sich nicht doch ab und an auch über sich selbst?

Stranzl: Selbstverständlichkeiten gibt es im Profi-Fußball ohnehin nicht. Wir hatten eine relativ kurze Sommerpause und haben deshalb wenig von unserem Schwung verloren. Wir sind mit diesem Schwung dann gleich sehr erfolgreich in die Saison gestartet, was unser Selbstbewusstsein natürlich sehr gestärkt hat. Auch das ist ein Grund, warum es momentan so gut läuft.

Was ist das Geheimnis von Trainer Lucien Favre?

Stranzl: Ein Geheimnis gibt es da nicht. Nachdem er kam, haben wir sehr viel im taktischen Bereich gearbeitet. Er hat von Anfang an versucht, die Defensive zu stärken und zwar durch Defensivarbeit in allen Mannschaftsteilen. Jetzt lassen wir ziemlich wenig zu. Und es ist nun mal so, dass du sicherer wirst, je weniger Tore du kassierst. Im Sommer haben wir dann erkannt, dass die Defensive recht gut funktioniert. Dann haben wir den nächsten Schritt gemacht und verstärkt an der Offensive gearbeitet. Das betraf die Spieleröffnung, einstudierte Spielzüge und verschiedene Systeme, um mehr Tormöglichkeiten herauszuspielen. Das trainieren wir auch jetzt Woche für Woche. Das erfolgreiche Ergebnis sieht man jetzt auf dem Platz.

Sie kamen im Winter 2011 aus Moskau nach Gladbach. Was gab den Ausschlag?

Stranzl: Borussia hatte mich immer schon interessiert. Es war stets schwierig, wenn ich mit dem VfB oder den "Löwen" gegen Gladbach gespielt habe. Es ist ein großer Klub mit viel Tradition und tollen Fans, die Atmosphäre ist einfach besonders. Hier hat man in den letzten Jahren schon einiges auf die Beine gestellt. In Moskau habe ich mich weiterentwickelt und dann in Gladbach meinen Teil in der Relegation dazu beigetragen, damit wir erstklassig bleiben. So eine Erfahrung prägt, das sind wunderschöne Momente.

Wie groß ist die Gefahr, dass es der Borussia in der Rückrunde ergeht wie der Comic-Figur, die über die Klippe rennt: Sie läuft durch die Luft und stürzt erst ab, als sie registriert, wo sie sich eigentlich gerade befindet.

Stranzl: Ich denke nicht, dass es so kommt. Wir arbeiten jede Woche hart an unserer Konstanz. Wenn Rückschläge kommen, dann muss man eben einen ruhigen Kopf bewahren und nicht in Panik verfallen. Wir hatten solche Situationen ja auch schon in der Hinrunde, sind da aber ruhig geblieben und haben nichts verändert. Es ist wichtig, dass man nicht noch Unruhe reinbringt, indem man viel rumprobiert und wechselt.

Ist Gladbach ein Titelkandidat?

Stranzl: Das sollen andere beurteilen. Wir schauen einfach nur, dass wir aus jedem Spiel so viel wie möglich mitnehmen. Was dann nach 34 Spieltagen dabei herauskommt, das wird man sehen. Wir sind bisher gut mit dieser Einstellung gefahren und werden das auch weiterhin so handhaben. Wir müssen nicht herumträumen und neue Ziele ausgeben.

Aber wenn man doch schon mal so weit oben steht...

Stranzl: Dazu spielen aber viele andere Faktoren noch eine Rolle. Die anderen Teams haben alle eine sehr hohe Qualität. Außerdem weiß man nie, ob noch Verletzungen passieren. Aber natürlich hat jeder Fußballspieler das Ziel, irgendwann mal einen Titel zu holen. Wenn man sich so hohe Ziele steckt, dann reizt man immer das Maximum aus und versucht, das Beste aus sich herauszukitzeln. Man geht eben an seine Grenzen. Was dann letztlich dabei herumkommt, ist wiederum eine andere Sache.

Marco Reus verlässt Gladbach zu Saisonende, ebenso Roman Neustädter. Zwei wichtige Säulen brechen damit weg. Wie hat das Team darauf reagiert?

Stranzl: Es wurde in der Kabine bekanntgegeben. Und natürlich war das in den ersten Tagen ein Thema. Es darf uns aber in keiner Weise beeinflussen. Aber man weiß ja, wie schnell das dann immer geht. Wenn es mal drei, vier Spiele nicht rund läuft, dann fangen in der Öffentlichkeit die Diskussionen an, ob sie sich noch voll auf den Verein konzentrieren, oder mit dem Kopf schon woanders sind. Aber man sieht ja, dass wir Spaß miteinander haben und das wird auch bis Saisonende so bleiben.

Man hat ohnehin den Eindruck, dass Eure Stärke das erfolgsorientierte Kollektiv ist. Es gibt keine Egoisten im Team.

Stranzl: Wenn es so wäre, hätten wir das letzte Saison auch gar nicht geschafft. Wären Spieler dabei gewesen, die nur ihre eigenen Ziele verfolgt hätten, dann wäre es unruhig geworden. Wir haben einfach Spaß miteinander. Auf dem Platz gibt jeder für den anderen alles. Wenn wir abseits des Platzes etwas unternehmen ist eigentlich auch immer jeder mit dabei. So eine gute Atmosphäre innerhalb des Teams ist extrem wichtig. Denn wenn dann mal scharfe Worte fallen oder jemand eine andere Meinung vertritt, wird das auch respektiert und zusammen diskutiert. Auf diese Weise wird das dann schnell erledigt und so sollte es auch sein.

Ist gerade deshalb die aktuelle Entwicklung vor dem personellen Hintergrund mit den prominenten Äbgängen eher eine Momentaufnahme oder doch ein Fingerzeig in Richtung Zukunft?

Stranzl: Natürlich wünschen wir uns alle, dass jetzt einmal Konstanz einkehrt und etwas aufgebaut wird, was weiterentwickeln werden kann. Allerdings kann man immer nie so weit im Voraus planen. Aber es stimmt natürlich schon, dass so eine Entwicklung auch der Wunsch der Spieler ist.

Herr Stranzl, besten Dank für das Gespräch.

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