Bundesliga - Frontzeck: "Bayern, Dortmund oder Bayer"
Michael Frontzeck blickt im Interview der Woche mit eurosport.yahoo.de auf die anstehende Bundesliga-Saison voraus. Der Coach spricht über Pokalpleiten und Auswirkungen, hofft auf mehr Kontinuität auf den Trainerbänken und sieht einige Teams mit dem FC Bayern auf Augenhöhe.
Das Interview führte Tobias Hlusiak
Herr Frontzeck, wie haben Sie das Pokalwochenende verbracht?
Michael Frontzeck: Ich habe mir zwei Spiele vor Ort angesehen und viele im TV. Zu Beginn der Saison nutze ich die Phase, in der in den Vereinen noch alles ruhig ist, um mir die Mannschaften vor Ort anzusehen. Teilweise auch die dritte Liga. Wenn man im Job ist, hat man dazu ja selten die Möglichkeit. Wenn die unruhige Zeit kommt, werden Sie mich nicht mehr auf irgendwelchen Tribünen sehen.
Welche Aussagekraft haben die Pokalspiele für den nahenden Saisonstart?
Frontzeck: Die erste Runde ist immer unangenehm für die Bundesligisten. Die Vereine der dritten Liga haben ja bereits einen Spieltag in den Beinen. In der zweiten Liga sind sogar schon zwei Spieltage absolviert. Deswegen tun sich teilweise auch große Klubs gegen Viertligisten schwer. Das ist aber nichts Neues. Heutzutage kannst du nicht mehr sagen: Wir fahren irgendwo hin und kommen ganz locker eine Runde weiter.
Trotzdem war das Aus des VfL Wolfsburg in Leipzig doch eine Sensation…
Frontzeck: Sicherlich war das eine Überraschung. In einem Spiel ist allerdings eben doch immer alles möglich. Ich selbst habe mit Bielefeld mal in Durlach gespielt. Da sind wir Millimeter an einer Niederlage vorbeigeschrappt. Von daher halte ich die Entwicklungen der ersten Runde nicht für überraschend. Und RB Leipzig arbeitet unter sehr professionellen Bedingungen. Das ist keine Amateurmannschaft.
Kommen wir zur Bundesliga. Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die neue Saison?
Frontzeck: Wie jeder, der sich für Fußball interessiert, freue ich mich riesig, dass es wieder losgeht. Ich bin ja seit 30 Jahren mehr oder weniger mitten drin im Bundesligageschehen. Derzeit ist die Phase ganz angenehm, dass ich mal keinen Job habe. Ich genieße die Reisen und die Möglichkeiten, mir andere Klubs anzusehen.
Wenn man die Trainer-Tipps sieht, kann nur ein Trio Meister werden: Bayern, der BVB und Leverkusen. Müssen wir uns auf eine eher langweilige Saison einstellen?
Frontzeck: Langweilig wird es in der Bundesliga ohnehin nie. Der FC Bayern wird bemüht sein, unter dem neuen Trainer Jupp Heynckes Ruhe in die eigenen Reihen zu bekommen. Gelingt dies, ist der Rekordmeister Favorit. Trotzdem sind einige Mannschaften auf Augenhöhe. Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum nur so wenige Trainer Borussia Dortmund die Titelverteidigung zutrauen. Bei der Borussia haben im vergangenen Jahr alle an einem Strang gezogen. Watzke, Zorc, Klopp und die Mannschaft waren eine Einheit. Sie sind verdient Meister geworden. Warum sollte ihnen das kein zweites Mal gelingen?
Natürlich gibt es einige Unbekannte. Letztes Jahr hatten wir in Mönchengladbach eine große Verletztenmisere. Wenn sich einige Schlüsselspieler verletzen, kann es in die andere Richtung gehen. Das hat man im vergangenen Jahr an Bremen, Stuttgart und Wolfsburg gesehen. Aber wenn alles normal läuft, machen Bayern, Dortmund und Leverkusen die Meisterschaft unter sich aus. Vielleicht kommt noch ein Überraschungsteam dazu.
Die Münchner haben mächtig investiert. Vor allem in die Defensive. Glauben Sie, dass Jerome Boateng die defensiven Problemstellen des FCB schließen kann?
Frontzeck: Wenn er fit ist, auf jeden Fall. Ich habe ihn beim Audi Cup gegen Barcelona gesehen. Da hat er mir gut gefallen. Außerdem kennt Jerome Boateng die Bundesliga. Er wird keine Anpassungsprobleme haben. Wenn er topfit ist, ist er sicherlich ein Gewinn für Bayern München und die Bundesliga.
Jürgen Klopp hat den FC Bayern zum klaren Favoriten gemacht. Ist das Realismus oder Understatement?
Frontzeck: Nein, das ist kein Understatement. Franck Ribéry und Arjen Robben haben eine Hälfte der letzten Saison verpasst. Das war ein großer Grund für Bayerns Chancenlosigkeit. Wenn die beiden jetzt über längere Zeit auf dem Platz stehen, ist das ein klarer Qualitätsunterschied, der Bayern zum Favoriten macht. Trotzdem wird Dortmund mithalten können.
Das hieße dann im Umkehrschluss, dass Bayern erneut schwach in die Liga startet, weil beide derzeit verletzt sind...
Frontzeck: Nein, das glaube ich nicht. Die Verletzungen, die beide im Moment außer Gefecht setzen, sind kleine Dinge. Das ist in zwei, drei Wochen gegessen. Heynckes wird in der Lage sein, die Dinge kurzfristig zu kompensieren. Letztes Jahr mussten sie monatelang pausieren. Das ist ein Riesenunterschied.
Dortmund wird in der Champions League antreten und damit dreifach belastet sein. Sehen Sie das problematisch für das Team?
Frontzeck: Für Dortmund ist es in den vergangenen Jahren immer bergauf gegangen. Da konnte sich der ganze Verein auf diese Situation einstellen. Die Stärke der Mannschaft ist unbestritten ihr Zusammenhalt. In der letzten Saison haben sie schwierige Situationen gemeistert. Die junge Mannschaft ist jetzt insgesamt auch ein Jahr weiter. Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendjemand satt ist – ganz im Gegenteil. Die Jungs sind zu 100 Prozent bei der Sache. Wenn das so bleibt, werden sie eine gute Rolle spielen. National wie international.
Von Freiburg direkt in die Champions League: Trauen Sie Robin Dutt den Sprung zum Spitzenteam Bayer Leverkusen zu?
Frontzeck: Das traue ich ihm auf jeden Fall zu. Er hat mit Freiburg in den letzten Jahren schwierige Situationen mit Bravour gemeistert. Man darf nicht vergessen, dass er dort der Nachfolger von Ikone Volker Finke war. Dutt hat den Klub sportlich sowie im Umfeld stabilisiert. Er hat dort einen fantastischen Job gemacht. In Leverkusen findet er nun das Potenzial vor, um oben mitzuspielen.
In Dresden ist Bayer allerdings nach 3:0-Führung noch aus dem DFB-Pokal geflogen. Anschließend gab es Diskussionen um Michael Ballack. Wie würden Sie mit dieser Personalie umgehen?
Frontzeck: Wenn eine Mannschaft wie Bayer Leverkusen nach einer Stunde bei einem Zweitligisten mit 3:0 führt und Michael Ballack und Stefan Kießling einwechselt, muss sie das Spiel natürlich gewinnen. Das Scheitern kann man jetzt auch nicht an einzelnen Spielern festmachen. Ich weiß: Wenn Ballack fit ist, ist er ein herausragender Spieler.
Mainz hat in allen Mannschaftsteilen Schlüsselspieler verloren. Schürrle, Holtby und Fuchs sind weg. Wie groß ist die Gefahr des Absturzes?
Frontzeck: Ich sehe keine Gefahr. Einige Teams, die im vergangenen Jahr über ihren Erwartungen gespielt haben, werden genau wissen, wie ihre interne Zielsetzung auszusehen hat. Ich meine Vereine wie Hannover, Freiburg, Kaiserslautern und sicherlich auch Mainz. Gerade bei den 05ern herrscht ein Umfeld, indem man in Ruhe arbeiten kann. Früher Jürgen Klopp und seit einiger Zeit Thomas Tuchel schaffen es in schöner Regelmäßigkeit, neue, hungrige Mannschaften auf den Platz zu bringen. Das wird auch in der neuen Saison gelingen.
Auch Hamburg steckt in einem großen Umbruch. Erwacht der schlafende Riese in dieser Saison endlich oder erwartet die Fans des HSV ein Übergangsjahr?
Frontzeck: Der Kader ist auf den ersten Blick sehr gut bestückt. Einige hochbezahlte Spieler sind weg. Dafür sind einige sehr junge Leute dazugekommen. An Stelle der Verantwortlichen ist es sicherlich nicht unklug zu sagen: 'Das wird ein Übergangsjahr und wir lassen es erstmal langsam angehen'. Das halte ich strategisch für den richtigen Ansatz. Trotzdem traue ich dem HSV einiges zu.
Was trauen Sie dem Underdog FC Augsburg in seiner ersten Bundesliga-Saison zu?
Frontzeck: Augsburg hat aus meiner Sicht alles richtig gemacht, noch am Tag des Aufstiegs, den Beginn des Abstiegskampfes auszurufen. Dazu kam die Versicherung, dass Jos Luhukay alle 34 Spiele verlieren dürfe und trotzdem Trainer bleibt. Das ist natürlich eine herausragende Aussage. Besser kann man eine Saison nicht vorbereiten.
Aber ist so eine Aussage nicht auch eine Gefahr?
Frontzeck: Nein, im Gegenteil! Jeder weiß doch, dass Luhukay und seine Mannschaft unbedingt in der Liga bleiben wollen. Jeder wird alles abrufen, um die Klasse zu halten. So eine Garantie kann natürlich nicht jeder Verein geben. Aber in Augsburg finde ich es sehr gut, dass der Trainer noch vor dem ersten Spiel in so deutlicher Weise bestärkt wird. Dann wird auch keine Diskussion aufkommen, wenn der Saisonstart misslingen sollte.
In Mönchengladbach waren Sie bis Februar noch selbst Cheftrainer. Was glauben Sie, kann Ihr Nachfolger Lucien Favre mit der Borussia erreichen?
Frontzeck: Die Mannschaft hat in der größtenteils verletzungsfreien Rückrunde 26 Punkte geholt. Ich denke, wenn man von Rückschlägen verschont bleibt, traue ich dem Team einen Mittelfeldplatz zu.
In Mönchengladbach scheint viel von Marco Reus abzuhängen. Spielt er gut, geht es mit der Borussia aufwärts...
Frontzeck: Die Mannschaft ist insgesamt gut aufgestellt. Marco Reus sticht sicherlich heraus. Er bringt alles mit für eine große Karriere. Nicht nur fußballerisch, sondern auch mental ist er schon sehr weit. Der Junge will sich immer verbessern. Wenn er gesund bleibt, wird er mal ein richtig guter Spieler werden. Allerdings gewinnt er nicht allein. Es war wichtig, dass Dante nicht verkauft wurde. So hat man mit ihm, Stranzl und Brouwers in der Innenverteidigung gute Alternativen.
In der vergangenen Saison wurden insgesamt 13 Bundesligatrainer entlassen. Sie haben es selbst am eigenen Leib erfahren. War das eine Ausnahme oder die neue Regel?
Frontzeck: Das wird man sehen. Grundsätzlich baut jeder Verein auf Kontinuität und Langfristigkeit auf der Trainerposition. Wenn der externe Druck steigt, werden manche Verantwortliche eben zum Handeln gezwungen. Das Musterbeispiel ist natürlich Bremen. Dort wird weniger über eine Philosophie gesprochen, sie wird einfach gelebt. Selbst wenn mal ein schwieriges Jahr zu durchschreiten ist, verlassen sie ihren Weg nicht. Das würde ich mir von mehreren Vereinen wünschen.
Das Durchschnittsalter in vielen Bundesliga-Mannschaften ist in den letzten Jahren immer weiter gesunken: Top-Talente wie Holtby, Reus, Ekici und Gündogan müssen schon einen Großteil der Verantwortung tragen. Kann ein junger Mann auf Dauer diesem Druck standhalten?
Frontzeck: Ich finde es sehr schön, dass wir mittlerweile in Deutschland so viele gute, junge und hungrige Spieler haben. Ich hatte erst vor einem Monat großen Spaß, der U17 bei der WM in Mexiko zuzuschauen. Ich bin ohnehin der Meinung, dass ein Spieler nicht zu jung sein kann, um in der Bundesliga zu spielen. In England spielen zum Teil 16-Jährige in der Premier League. Natürlich muss die Qualität des Jungen stimmen. Der DFB und die Klubs ernten momentan die Früchte jahrelanger guter Arbeit.
Welches Top-Team wird es in dieser Saison schwer haben?
Frontzeck: Das ist von ganz vielen Dingen abhängig, die man vor einer Saison nur schwer einschätzen kann. Es gibt hausgemachte Probleme. Allerdings können auch Dinge eintreten, die kein Mensch beeinflussen kann. Ich glaube aber, dass es nicht noch einmal so laufen wird, wie in der vergangenen Spielzeit. Da ging ja wirklich alles drunter und drüber. Vieles wird sich relativieren.
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