Neue Kritik an ISU - Pechstein-Fall allgegenwärtig

So 01.Nov. 15:52:20 2009

Berlin (dpa) - Jenny Wolf sprintet in der Gold-Spur von Vancouver, Anni Friesinger feiert ihren Bruder, Präsident Heinze erwägt Konsequenzen bei einem negativen CAS-Urteil: Der Fall Claudia Pechstein hat am Wochenende den Saisonstart der Eisschnellläufer in Berlin überlagert.

«Es ist schade, dass es uns hier nicht gelungen ist, die Athleten von der 'Causa Pechstein' fernzuhalten», beklagte Gerd Heinze, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), nach den deutschen Meisterschaften in Berlin, deren Resultate vom Anspruch einer Olympia-Saison insgesamt weit entfernt waren.

Heinze glaubt weiter felsenfest an einen Freispruch der wegen auffälliger Blutwerte gesperrten Olympiasiegerin Claudia Pechstein durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS in dieser Woche. «Wenn das Urteil nicht aufgehoben wird, würde die Glaubwürdigkeit leiden und mein Rechtsempfinden erheblich Schaden nehmen. Dann würde ich auch die Konsequenzen ziehen», erklärte der Präsident, wollte aber nicht darauf eingehen, wie weit diese reichen könnten.

Er habe volles Vertrauen in die Aussagen der Wissenschaftler, die mit ihren Gutachten in der brisanten Causa Pechstein nicht ihre Reputation aufs Spiel setzen würden. «Für mich gilt weiter die Unschuldsvermutung. Wenn da bei Claudia Pechstein Trickserei oder Lügen im Spiel wären, hätten wir sie fallen lassen wie eine heiße Kartoffel», so der Präsident. Zudem forderte er vom Weltverband ISU mehr Professionalität. «Die ISU kann dieses komplizierte medizinische Feld künftig nicht mehr fünf oder sechs ehrenamtlichen Professoren überlassen. Wir brauchen dringend ein professionelleres Equipment», sagte Heinze vor der ab Donnerstag erwarteten Urteilsverkündung.

Die langen Schatten, die der Fall Pechstein auf die deutsche Eisschnelllauf-Szene wirft, konnte in Berlin nur Weltmeisterin Jenny Wolf ein wenig verdrängen. In 38,04 Sekunden war die Berliner Sprint- Königin so schnell wie noch nie zum Saisonauftakt und holte sich nach zwei Läufen mit 76,30 Punkten ihren elften Titel, den dritten in Serie über 500 Meter. «Ein gutes Zeichen. Ich bin voll im Fahrplan», sagte die Weltmeisterin, nachdem sie zuvor mit ihren 38,35 nicht zufrieden war und dem ungewöhnlichen Modus mit Rennen an zwei Tagen gehadert hatte. Nur Erzrivalin Beixing Wang (37,59/37,77) war bislang schneller - auf der Hochland-Bahn in Calgary.

In Abwesenheit der noch durch ein dickes Knie gehandicapten Anni Friesinger-Postma lief Daniela Anschütz-Thoms ohne große Gegenwehr über 1500 Meter zu ihrem zehnten Meistertitel. Allerdings passte sich ihre Zeit von 1:59,50 Minuten dem insgesamt dürftigen Niveau an. «Das ist wahrlich keine Klassezeit», räumte die 34-jährige Thüringerin nach ihrem Meister-Hattrick auf der Mittelstrecke ein.

Anni Friesinger-Postma machte hingegen einen Luftsprung hinter der Bande, als ihr Bruder Jan auch über 1500 Meter den Favoriten ein Schnäppchen geschlagen und in 1:49,95 seinen zweiten Meistertitel in Berlin erkämpft hatte. Fast fünf Jahre hatte Jan Friesinger, der ganz individuell in Norwegen trainiert, keinen Titel mehr gewonnen. «Nun ist er erfolgreichster Teilnehmer der Titelkämpfe - damit konnte keiner rechnen», meinte Schwester Anni, die nun ihren Saison-Einstieg kommende Woche beim Weltcup plant. Ob dann auch Pechstein wieder eingreifen kann, wird der CAS entscheiden. Die DESG hat für sie aber zumindest die Startplätze über 1500 und 3000 Meter reserviert.

 

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