Der Architekt des "kleinen Wunders"
Der Mann ist Realist. Lucien Favre lässt sich auch nach neun Punkten aus den letzten drei Spielen und Platz drei nicht zu großen Tönen verleiten. "Was war im Mai mit der gleichen Mannschaft?, fragt der Gladbacher Trainer, und gibt die Antwort: "Sie ist durch ein kleines Wunder nicht abgestiegen."
Von Tobias Laure
Doch das, was in dieser Saison bei den "Fohlen" passiert, darf ebenfalls als "kleines Wunder" bezeichnet werden. Schon der Auftakt war eine Sensation: Am 1. Spieltag schlug die Favre-Truppe den FC Bayern auswärts mit 1:0. Gladbach fügte dem Rekordmeister damit die bislang einzige Niederlage, den einzigen Punktverlust und das einzige Gegentor der laufenden Spielzeit zu. Und das kommt nicht von ungefähr. Seine Spieler hätten schon "nach einem Monat kapiert, was ich wirklich will", berichtet Favre dem "Tagesanzeiger" aus Zürich.
"Permanent kleine Fortschritte"
Erst dadurch gelang es dem Schweizer, die Borussia in der Zeit von Februar bis Mai vom letzten Tabellenplatz auf Rang 16 zu führen. Nach einer Zitter-Relegation gegen den VfL Bochum (1:0, 1:1) hat Favre weiter an seiner Mannschaft gebastelt. "Wir machen permanent kleine Fortschritte", lobt der 53-Jährige seine Profis. Und auch Favre selbst heimst Lob ein. "Wie er mit der Mannschaft arbeitet, ist herausragend", zollt Vorstands-Mitglied Hans Meyer in einem Gespräch mit der "Neuen Zürcher Zeitung" dem Coach Respekt. Und Meyer kann das beurteilen, schließlich saß er von 1999 bis 2003 und von 2008 bis 2009 selbst als Trainer auf der Gladbacher Bank.
Die Spieler haben die Philosophie des Schweizer Fußball-Lehrers längst verinnerlicht. "Im Moment haben wir hier in Gladbach ein sehr gutes Team, aber das Träumen verbietet sich von selbst", stellt Kapitän Filip Daems im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de klar. Der Belgier ist selbst einer der Garanten der jüngsten Erfolges. Ruhig und souverän dirigiert der Belgier seine Kollegen auf dem Feld. Und er übernimmt Verantwortung, versenkte alle drei Gladbacher Strafstöße in dieser Saison.
Kleine Ansprüche, große Vorteile
Bei der Besetzung der Torhüter-Position hat Favre Mut und ein glückliches Händchen bewiesen. Der Schweizer machte in der Schlussphase der Vorsaison den 19-jährigen Marc-André ter Stegen zur Nummer eins. Der gebürtige Mönchengladbacher hat bis heute nur 13 Einsätze in der Bundesliga auf dem Buckel - doch das hindert ter Stegen nicht daran, Woche für Woche Topleistungen zu bringen. "Er ist eine tolle Persönlichkeit im Tor, und das hat für die nötige Ruhe in der Abwehr und im ganzen Team gesorgt", lobt Daems. Wohlwissend, dass die Borussen eine Wand im Tor bitter nötig haben. Denn an den ersten sieben Spieltagen der Bundesliga erzielte die Favre-Auswahl nur einmal mehr als einen Treffer. Das war beim 4:1-Erfolg gegen Wolfsburg, ansonsten gab es vier 1:0-Siege für Schwarz-Weiß-Grün.
Ein Ergebnis, mit dem man auch am Samstag beim Gastspiel in Freiburg (15:30 Uhr im Live-Ticker bei eurosport.yahoo.de) sehr gut leben könnte. "Wir müssen weiter hart arbeiten und um jeden Punkt kämpfen", gibt Favre das Motto aus. Man sei "extrem zufrieden", müsse aber am Boden bleiben. "Ich schaue nicht nur nach oben, sondern ich schaue mir die ganze Tabelle von Platz 1 bis 18 an."
Die Ansprüche bei der Borussia seien auch nicht "diejenigen der großen Klubs wie Bayern, Schalke, Hertha oder Dortmund", stimmt Vize-Präsident Rainer Bonhof zu. Der 74er Weltmeister glaubt sogar, dass dies "Favre entgegen und uns zugute kommt". In Mönchengladbach scheint derzeit einfach alles zu passen.
TV-Tipp:
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