Eurosport - So 01.Jul. 13:12:00 2007
Jörg Jaksche hat eine Woche vor dem Auftakt der Tour de France ein umfangreiches Doping-Geständnis abgelegt und schwere Anschuldigungen gegen die Teamchefs Bjarne Riis (CSC) und Gianluigi Stanga (Milram) sowie den ehemaligen Telekom-Teamchef und heutigen Astana-Berater Walter Godefroot erhoben.
"Es ist pervers, aber das Doping-System ist gerecht, weil alle dopen. Radsport ohne Doping ist nur gerecht, wenn wirklich niemand mehr dopt", sagte Jaksche , "mir hat ein Fahrer erzählt, dass es wegen der Trainingskontrollen Deals geben soll zwischen ein paar Mannschaften und dem Weltradsportverband. Da muss man annehmen, dass es kein generelles Umdenken gibt. Das hat mir dieser Fahrer stolz erzählt. Da wusste ich: Nichts hat sich geändert", sagte Jaksche in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".
Kurz vor der Tour de Suisse im Juni 1997 habe er zum ersten Mal Epo gespritzt, sagte Jaksche, der auch mit dem Doping-Arzt Eufemiano Fuentes zusammenarbeitete und die Existenz von ihm gelagerter Blutbeutel bestätigte. Die von der Guardia Civil nach der Razzia bei Fuentes am 23. Juni 2006 sichergestellten drei 0,5 Liter-Behälter mit dem Codenamen "Bella" gehören ihm, sagte Jaksche: "Bella hieß meine vor drei Jahren gestorbene Labradorhündin." Von 2005 an habe er sich verbotenen Eigenbluttherapien unterzogen. Neben Jan Ullrich ist Jaksche der zweite deutsche Profi auf der Fuentes-Kunden-Liste.
Mit Riis, der vor Wochen ein umfassendes Doping-Geständnis die 90er Jahre betreffend abgelegt hatte, habe er sich "über Cortekoide" ausgetauscht, die erste EPO-Spritze hätte er im von Stanga geleiteten italienischen Polti-Team 1997 erhalten. "Wenn du in deiner ersten Tour unter die ersten 20 fährst, musst du für deine Medizin nichts bezahlen", soll ihm der heutige Teamchef von Erik Zabels und Alessandro Petacchis Milram-Team 1998 mit auf den Weg gegeben haben.
Godefroot habe in seiner Verantwortlichkeit für Telekom die Fahrer immer gewarnt, keine verbotenen Medikamente mit zu Rennen zu bringen. Jaksche: "Godefroot ging es nicht darum, auszuschließen, dass jemand dopt, sondern dass er ungeschickt dopt." Riis, der jetzige Teamchef von Jens Voigt "wusste über Doping Bescheid, er sagte, was Sache ist", erklärte Jaksche.
Der lange Franke beschuldigte ebenfalls direkt einen Mediziner aus Bad Sachsa, gegen den die Staatsanwaltschaft Göttingen wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel-Gesetz bereits ermittelt. Der Arzt hätte ihm im Auftrag von Fuentes bei der Tour-de- France-Etappen-Station 2005 in Karlsruhe Epo auf dem Hotelzimmer gespritzt. "Wenn wir alle Jaksche-Vorwürfe genau kennen, werden wir mit Stanga reden und dann entscheiden, wie wir vorgehen", sagte am Samstag Martin Mischel vom Milram-Sponsor Nordmilch. Einen kompletten Tour-Rückzug seines Teams - Petacchi wartet auf sein für Montag avisiertes Doping-Urteil - schloss Mischel am Samstag aus.
Jaksche will sich nun den Sportverbänden und deutschen Ermittlungsbehörden als Kronzeuge zur Verfügung stellen. Er will von der in den Statuten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA festgelegten Kronzeugen-Regelung auf eine Straf-Reduzierung von einem Jahr Sperre profitieren. Er wolle seine Karriere 2008 fortsetzen, erklärte Jaksche im "Spiegel". Sein Anwalt Michael Lehner will auf ein Jahr Sperre plädieren. Jaksche soll auch vor der Anti-Doping-Kommission des BDR aussagen. "Wir werden ihn übernächste Woche einladen", sagte Verbands-Präsident Rudolf Scharping, der zu Jaksches Beichte erklärte: "Gut, dass er ausgepackt hat, wenn auch spät. Ich predige seit zwei Jahren: Wir müssen endlich an die kriminellen Hintermänner heran."
"Ich glaube, dass es wichtig ist für die Zukunft dieses Sports, dass einer mal sagt: Okay, so läuft das hier", sagte Jaksche. In den Rennställen Polti, Team Telekom, Once, CSC und Liberty Seguros, für die Jaksche seit 1997 fuhr, sei das Doping teilweise aktiv von der Mannschaftsführung betrieben oder geduldet worden. "Natürlich hat mir niemand den Arm für die Spritze festgehalten, aber die Teamleiter, die sich früher an dir bereichert haben, die dir die Sachen besorgt haben, ausgerechnet die tun plötzlich so, als würden sie alle für einen sauberen Radsport eintreten", sagte Jaksche.
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