Eurosport - Mo 02.Jun. 11:49:00 2008
Dank Michael Ballack hat die deutsche Nationalmannschaft eine Woche vor dem Eröffnungsspiel der EM 2008 die Euphoriewelle doch noch ins Rollen gebracht. Der Kapitän steuerte die DFB-Elf im letzten Testspiel beim 2:1 gegen Serbien mit Routine und Kampfgeist zu einem verdienten Erfolg.
Ein Erfolg, der aber die Abwehrprobleme nicht verbergen konnte. Vor 53.951 Zuschauern und unter den Augen von Bundeskanzlerin Angela Merkel ging der Leitwolf in der ausverkauften Arena AufSchalke von Beginn an mit gutem Beispiel voran. Ballack zog die Fäden im Mittelfeld, schaltete sich aber auch immer wieder in die Offensive ein: Der Star des FC Chelsea scheiterte in der ersten Hälfte mit zwei Kopfbällen (15./37.) an Gäste-Keeper Vladimir Stojkovic.
Auch nach dem Gegentreffer von Bosko Jankovic (19.), der einzigen Möglichkeit der Serben in Durchgang eins, steckte der derzeit beste deutsche Fußballer den Kopf nicht in den Sand und krönte seine Leistung mit dem Siegtreffer kurz vor Schluss. "Wir sind froh, dass wir uns beim letzten Test noch einmal steigern konnten und mit einem positiven Erlebnis in die EM gehen. Wir sind noch nicht ganz da wo wir hinwollen", bilanzierte Ballack, der sich jedoch einen kleinen Seitenhieb Richtung Defensivabteilung nicht verkneifen konnte: "Uns hat immer ausgezeichnet, dass wir hinten gut stehen und selbst wenig Tore erzielen müssen. Da müssen wir auf jeden Fall noch zulegen."
Ballack: "Haben zweimal geschlafen"
Damit meinte Ballack wohl vor allem Christoph Metzelder, der nach seinem schwachen Auftritt gegen Weißrussland im Kreuzfeuer der Kritik stand. Zwar präsentierte sich der Innenverteidiger in Gelsenkirchen vier Tage nach seinem Waterloo merklich verbessert, stand aber beim Gegentreffer von Jankovic erneut im Brennpunkt des Geschehens. Der Abwehrchef wusste beim überfallartigen Konter der Serben eine Lücke im Abwehrverbund nicht zu schließen. Eine einzige Unkonzentriertheit, ein Schuss, ein Treffer - der bei einem Turnier auch eine 0:1-Niederlage bedeuten kann.
Dieser Gefahr ist sich auch Ballack bewusst: " Wir haben beim Gegentor und beim Lattenschuss zweimal geschlafen. Ansonsten haben wir das Spiel kontrolliert, beherrscht und hatten auch wesentlich mehr Torchancen als der Gegner. Wir müssen darauf eingestellt sein, dass die Mannschaften bei der EM nicht viele Möglichkeiten benötigen."
Als echte Alternative in der Innenverteidung präsentierte sich Arne Friedrich nach seiner Einwechslung für Per Mertesacker in der zweiten Hälfte. Der Kapitän von Hertha BSC spielte seine Routine aus und zeigte eine fehlerfreie Partie. Torhüter Jens Lehmann konnte sich hingegen nicht auszeichnen. Der Arsenal-Keeper war an einem für ihn äußerst ruhigen Spätnachmittag nahezu arbeitslos und hatte sowohl beim Gegentor als auch beim Lattentreffer von Jankovic keine Abwehrmöglichkeit.
Jansen gefällt das deutsche Spiel
An der Seite des überragenden Ballack stach auch Torsten Frings in der insgesamt von Beginn an spritziger und agiler wirkenden deutschen Mannschaft als Aktivposten heraus. Der Bremer ackerte in der defensive und setzte auch im Angriff Akzente. In der 26. Minute verweigerte Schiedsrichter Fredy Fautrel (Frankreich) dem Mittelfeldspieler einen Elfmeter, als er im serbischen Strafraum nach einem Zweikampf unfreiwillig zu Fall kam. Auch Marcel Jansen, der gegen Weißrussland verletzungsbedingt aussetzte, steigerte sich im Verlauf der Partie.
Torschütze Oliver Neuville (74.) musste nur drei Minuten nach seiner Einwechslung beim 1:1-Ausgleichstreffer nach mustergültiger Vorlage des linken Außenverteidigers nur noch seinen Fuß hinhalten. Dem 2:1-Siegtreffer per Freistoß durch Ballack ging ein Foul an Jansen an der Strafraumgrenze voraus. "Mir gefällt es, wie wir spielen. Denn auch wenn wir nicht überragend sind, ist stets eine gewisse Stabilität vorhanden", erklärte Jansen.
"Oldie" Neuville gab nach Abpfiff sich ebenfalls zufrieden: "Mir gefällt die Joker-Rolle. Ich freue mich immer, wenn ich zum Einsatz komme." Wichtige Erkenntnisse konnte Bundestrainer Joachim Löw auch am Auftritt des Sturm-Duos Mario Gomez/Kevin Kuranyi ziehen, die um einen Platz neben dem gesetzten WM-Top-Torjäger Miroslav Klose buhlen. Der Schalker Kuranyi konnte seinen Heimvorteil nicht ausspielen und wurde in der 70. Minute ausgewechselt. Gomez deutete nach nervösem Beginn zumindest im zweiten Durchgang seine Stärke an. Der Fünfte im Bunde, Lukas Podolski, durfte sich nach seiner Einwechslung im linken Mittelfeld versuchen und wusste den Bundestrainer dabei zu überzeugen: "Lukas hinterlässt im Traininig einen hervorragenden Eindruck und ist im Mittelfeld durchaus eine Alternative, auch von Beginn an."
Nach einem zweitägigen Kurzurlaub soll nun die kommende Trainingswoche vor dem ersten Gruppenspiel gegen Polen (am Sonntag, 8. Juni ab 20:45 Uhr im Live-Ticker bei eurosport.yahoo.de) endgültigen Aufschluss über die Startformation bringen. Im schweizerischen Ascona will sich die DFB-Elf den letzten Feinschliff holen. "Wir werden insbesondere an den Feinheiten im technischen und taktischen Bereich arbeiten und ein paar Standartsituationen einüben. Das wird sehr wichtig sein, um die engen Spiele für uns entscheiden zu können", erklärte Ballack. Der "Capitano" benötigt in den nächsten Wochen dringend die Unterstützung von Lehmann, Metzelder & Co. Nur mit dem Gewinn des EM-Titels wird Ballack das Image vom "ewigen Zweiten" endlich ablegen.